Die Badeorte in der Lübecker Bucht sind im Wal-Fieber. Kurz nach der Entdeckung eines Buckelwals ist der Meeressäuger bereits zur touristischen Attraktion geworden. Am Wochenende machte sich das etwa zwölf Meter lange Tier jedoch rar. Experten streiten unterdessen darüber, ob es sich bei dem vor Travemünde und dem seit drei Wochen wiederholt vor der Insel Rügen gesichteten Wal um ein und denselben oder zwei unterschiedliche Meeressäuger handelt.
Zahlreiche Schaulustige bevölkerten am Wochenende die Strände von Travemünde, Timmendorfer Strand und Scharbeutz. Mit Ferngläsern hielten sie Ausschau nach dem Wal und hofften, das Tier zu Gesicht zu bekommen. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch fast durchweg nicht. Laut «Lübecker Nachrichten» vom Sonntag wollten Augenzeugen das Tier lediglich kurz vor Pelzerhaken bei Neustadt, in Höhe der «Ostsee Therme» Scharbeutz und am Niendorfer Hafen gesichtet haben.
Die Wasserschutzpolizei fuhr an beiden Tagen Patrouille, konnte den Wal jedoch nicht ausmachen. «Heute und gestern hat er sich noch nicht blicken lassen», sagte ein Sprecher an Bord eines Polizeibootes am Sonntag. Die Einsatzkräfte seien ausgelaufen, um den Wal zu beobachten und mögliche Kollisionen mit den Booten Schaulustiger zu vermeiden. Entgegen allen Warnungen waren viele mit kleinen Gummibooten mehrere hundert Meter aufs Wasser hinausgepaddelt.
Unterdessen streiten Experten über die Identität des Tieres in der Lübecker Bucht. Der dänische Meeresbiologe Carl Kinze kam nach Auswertung von Fotos zu dem Schluss, dass in der Bucht ein zweiter Wal aufgetaucht sei. Das gesichtete Tier sei eindeutig nicht identisch mit jenem Meeressäuger, der seit drei Wochen immer wieder vor Rügen gesehen und im Volksmund mittlerweile «Bucki» genannt wird.
Kinze sprach von einer doppelten Sensation: «Zwei Buckelwale auf einmal, das hatten wir nach meinen Recherchen noch nie in der Ostsee.» Er verwies auf deutliche Unterschiede auf der Rückenfinne. «Der Rügener Wal weist zwei Kerben an der Rückenfinne auf, der Wal aus der Lübecker Bucht hat keine Kratzer. Es können nicht dieselben Tiere sein», sagte der Meeresbiologe. Er hält es für wahrscheinlich, dass der am Dienstagabend vor Warnemünde gesichtete Buckelwal derselbe ist, der am Freitag vor Niendorf beobachtet wurde. «Bucki» war zuletzt am Mittwoch vor Sellin aufgetaucht.
Nachdem er sich ebenfalls die Aufnahmen angesehen hatte, geht der Direktor des Stralsunder Meeresmuseums, Harald Benke, dagegen davon aus, dass es sich auf allen Bildern um denselben Wal handelt. Benke sagte, sowohl bei dem Tier aus der Lübecker Bucht als auch beim Rügen-Wal gebe es je zwei Kreuze auf der Rückenfinne. Das Tier sehe zudem auf allen Fotos sehr abgemagert aus. Fänden Buckelwale genug Futter, könnten sie in der Ostsee lange überleben. Der Wal, den er auf den Fotos gesehen habe, müsse jetzt allerdings rasch «richtige Nahrungsgründe finden», sagte der Wal-Experte.
Begeistert über den unverhofften Besuch zeigten sich Fachleute im Meeresaquarium «Sea Life» im Ostseebad Timmendorfer Strand. Nun gebe es eine weitere Attraktion in freier Wildbahn direkt vor der Haustür, sagte ein Biologe. Wahrscheinlich handle es sich bei dem am Freitag gesichteten Wal um ein Jungtier, das auf der Wanderung in seiner Orientierung gestört worden sei.