Dystonie

Unter dem Begriff Dystonie versteht man willentlich nicht beeinflussbare, lang anhaltende Muskelkontraktionen. Dabei kann man unterscheiden zwischen generalisierten Dystonien, die größere Teile oder auch den ganzen Körper befallen können, und fokalen Dystonien, die nur einzelne Muskelgruppen betreffen.

In einigen Fällen sind die Beschwerden bei einer Dystonie nicht sonderlich stark ausgeprägt, es kann jedoch auch zu starken Schmerzen kommen oder zu Problemen, bestimmte Bewegungen auszuführen. Die unwillkürlichen Bewegungen können außerdem zu sozialer Isolation führen, da die Muskelkontraktion eigenartig aussehenden Bewegungen und Haltungen hervorrufen können.

Häufig lässt sich für die Dystonie keine Ursache finden (idiopathische Dystonie). In diesen Fällen existiert daher keine heilende Therapie. Einige Beschwerden der fokalen Dystonie lassen sich jedoch gut durch eine örtliche Behandlung mit Botulinumtoxin behandeln.

Dystonie: Definition

Der Begriff Dystonie (griech. dys = fehlreguliert, tonus = Spannung) beschreibt ein organisches Krankheitsbild, das sich durch unwillkürliche anhaltende Muskelkontraktionen auszeichnet. Diese Muskelkontraktionen können zu ungewöhnlichen Bewegungen und Körperhaltungen führen.

Aufgrund der im Vordergrund stehenden Beobachtung von krankhaften (pathologischen) Muskelkontraktionen werden Dystonien in der Neurologie zu den Bewegungsstörungen gezählt.

Man unterscheidet verschiedene Typen der Dystonie. Es gibt generalisierte Dystonien, die größere Teile oder auch den ganzen Körper befallen können, und fokale Dystonien, die nur einzelne Muskelgruppen befallen. Generalisierte Dystonien beginnen häufig im Kindes- oder Jugendalter und können zu schweren Behinderungen führen.

Fokale Dystonien werden nach den vorwiegend betroffenen Muskelgruppen unterschieden:

  • zervikale Dystonie: Schiefhals (Torticollis spasmodicus)
  • Blepharospasmus: Lidkrampf
  • spasmodische Dysphonie: Stimmbandkrampf
  • oromandibuläre Dystonie: Mund-, Zungen-, Schlundkrampf
  • aktionsspezifische fokale Dystonien: z.B. Schreibkrampf

Schiefhals

Beim Schiefhals (zervikale Dystonie, Torticollis spasmodicus) unterscheidet man den neurogenen und muskulären Schiefhals. Der neurogene Schiefhals ist eine durch eine neurologische Störung hervorgerufene Kopffehlstellung. Im Gegensatz dazu steht der muskuläre Schiefhals, der eine direkte Muskelschädigung aufgrund von Geburtskomplikationen ist. Er ist das häufigste Bild unter den fokalen Dystonien und bei circa 76 Prozent der Betroffenen zu finden.

Abhängig von den betroffenen Muskeln kommt es beim Schiefhals zu verschiedenen Kopfhaltungen. Meist ist der Musculus sternocleidomastoideus betroffen, der vom Brustbein zu einem Knochenvorsprung direkt unterhalb des Ohrs verläuft. Häufig wird der Kopf zur Seite gedreht und dabei in Richtung des angespannten Muskels geneigt. Auch die Nackenmuskeln können betroffen sein.

Bei der dauerhaften Dystonie kann es auch zu Fehlbelastungen ursprünglich nicht betroffener Muskelgruppen kommen. Während des Schlafs lassen die dystonen Bewegungen nach. Dies ist ein wichtiger Hinweis für die Diagnose einer idiopathischen Dystonie.

Lidkrampf

Die zweithäufigste Form der fokalen Dystonie ist der Lidkrampf (Blepharospasmus). Diese Form ist gekennzeichnet durch ein- oder beidseitiges unwillkürliches Zusammenkneifen der Augen. Dabei ist ein um die Augen verlaufender Ringmuskel (Musculus orbicularis oculi) betroffen. Helles Licht, Fernsehen oder Wind können die Symptome verschlimmern. Frauen sind etwa dreimal häufiger von dieser Form betroffen. Große Probleme bereitet der Sehverlust – besonders beim Autofahren.

Stimmbandkrampf

Auch die Muskeln der Stimmbänder können von Krämpfen betroffen sein (spasmodische Dysphonie). Die Stimme klingt dann gepresst und angestrengt, manchmal auch sehr leise. Gelegentlich haben die Betroffenen zwar Probleme mit dem Sprechen, können aber zum Beispiel normal singen.

Mund-, Zungen-, Schlundkrampf

Zuckungen und Krämpfe der Gesichtsmuskulatur (oromandibuläre Dystonie) führen zu grimassenartigen Verzerrungen des Gesichts. Die Betroffenen meiden häufig den Kontakt zu anderen Menschen, was zur sozialen Isolation führen kann. Krämpfe der Zungen- und Schlundmuskulatur beeinträchtigen die Nahrungsaufnahme und verschlimmern sich häufig beim Essen.

Schreibkrampf

Beim Schreibkrampf (aktionsspezifische fokale Dystonie) wird die Hand gebeugt, die Finger scheinen den Stift zusammenzupressen. Im Verlauf der Erkrankung können weitere Muskelgruppen des Arms betroffen sein. Diese Form der Dystonie tritt nur an eine bestimmte Tätigkeit gebunden auf. So können die Betroffenen durchaus normal Schreibmaschine schreiben. Andere feinmotorische Bewegungen der Hände können auch betroffen sein (z.B. bei Musikern wie Pianisten oder Gitarristen).

Häufigkeit

Verglichen mit anderen neurologischen Erkrankungen gehören die fokalen Dystonien zu den häufigeren Krankheitsbildern. Die Anzahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) pro Jahr liegt für die fokale Dystonie bei zwei bis drei Fällen auf 100.000 Einwohner. Die Anzahl der Menschen, die derzeit an einer Dystonie leiden (Prävalenz) liegt derzeit bei etwa 40 auf 100.000. Bei den leichteren Formen ist jedoch mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen. Am häufigsten tritt die idiopathische fokale Dystonie im mittleren Lebensalter auf.

Dystonie: Ursachen

Man unterscheidet zwei Gruppen der Dystonien. Am häufigsten sind dabei idiopathische (primäre) Dystonien mit unbekannter Ursache. Zum Teil, insbesondere beim Torticollis spasmodicus, können Dystonien vererbbar sein. Die Ausprägung der Symptome zwischen den Generationen kann jedoch variieren.

Die sekundären Dystonien bilden die kleinere Gruppe, für die es viele verschiedene Ursachen geben kann. Hierzu zählen unter anderem Chorea Huntington, bestimmte Formen der Parkinsonkrankheit, seltene Stoffwechselerkrankungen sowie infektiöse Erkrankungen.

Die häufigste bekannte Ursache innerhalb der sekundären Dystonien sind die so genannten Früh- und Spätdyskinesien (Fehlbewegungen). Diese sind eine Nebenwirkung bestimmter Medikamente (Neuroleptika). Viele Betroffene berichten außerdem über einen Unfall mit Halsbeteiligung.

Organische Erkrankung

Einige zeitlang hielt man fokale Dystonien für eine psychische Erkrankung. Mittlerweile geht man jedoch von körperlichen Ursachen aus. Der Teil des Zentralnervensystems (ZNS), der besonders betroffen ist, sind die Basalganglien. Basalganglien sind eine Ansammlung von Zellen unter dem Großhirn, in denen die Bewegungsabläufe koordiniert werden.

Die Basalganglien erhalten dabei sowohl Informationen aus der Großhirnrinde als willentliche Entscheidung, eine bestimmte Bewegung auszuführen, als auch verschiedene andere Informationen aus anderen Teilen des Zentralnervensystems. Die Aufgabe der Basalganglien besteht darin, aus diesen verschiedenen Informationen flüssige Bewegungen zu berechnen. Dabei werden nicht nur die für die eigentliche Bewegung notwendigen Muskeln aktiviert. Genauso wichtig ist die rechtzeitige Entspannung der gegenspielenden Muskeln. Bei der fokalen Dystonie ist dieses Zusammenspiel gestört.

Dystonie: Symptome

Fokale Dystonien sind durch unwillkürliche Anspannungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen gekennzeichnet. Häufig nehmen die betroffenen Körperteile seltsame Stellungen ein, die an Krämpfe erinnern. Während anfangs diese dystonen Bewegungen nach einiger Zeit wieder nachlassen, können sie im Verlauf der Krankheit zum Dauerzustand werden.

Bevor die Kopfschiefstellung eintritt, können Verspannungen und Zittern (Tremor) erste Anzeichen sein. Häufig kann die langsame Anspannung durch bestimmte Bewegungen aufgehalten werden. So hält zum Beispiel ein an das Kinn gelegter Finger die Kopfdrehung auf. Die betroffenen Muskeln sind meist verdickt, stehen hervor und können schmerzen.

Dystonie: Diagnose

Erster Schritt der Diagnose eines Dystonie ist eine ausführliche Befragung des Erkrankten und eine körperliche Untersuchung. In den meisten Fällen kann auf diese Weise bereits eine Dystonie eindeutig diagnostiziert werden. Gelegentlich werden zusätzliche Untersuchungen notwendig. Ein Elektromyogramm (EMG), Blutuntersuchungen, Urinuntersuchungen und eventuell eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfs können die Diagnose festigen.

Dystonie: Therapie

Die Therapie einer Dystonie erfolgt entweder ambulant bei einem neurologischen Spezialisten oder in speziellen Zentren (z.B. Bewegungsambulanzen).

Da in vielen Fällen die Ursache für eine Dystonie unbekannt ist, gibt es derzeit keine heilende Therapie. Vorrangig werden daher die Symptome gelindert, um eine möglichst hohe Lebensqualität zu ermöglichen.

Es gibt drei Behandlungsmöglichkeiten für eine Dystonie:

  • Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxin,
  • andere medikamentöse Therapien
  • chirurgische Eingriffe

Welche im Einzelfall die beste ist, richtet sich vor allem nach der Art der Dystonie.

Außerdem gibt es häufig Faktoren, welche die Symptome jeweils verbessern oder verschlechtern. So können beispielsweise einige Betroffene die langsame Kopfdrehung durch ein leichtes Antippen des Kinns aufhalten.

Lokale Injektionsbehandlung

Bei der fokalen Dystonie kann in die Muskeln, die am stärksten betroffen sind, Botulinumtoxin injiziert werden. Botulinumtoxin ist ein Gift, das von Bakterien produziert wird. Es unterbricht die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Muskeln und schwächt damit den betroffenen Muskel. Zur Therapie werden nur winzige Mengen verwendet und nur an einer kleinen Körperstelle verabreicht, sodass keine Gefahr für den Gesamtorganismus besteht. Sowohl Schiefhals als auch Lidkrampf und Stimmbandkrampf sprechen gut auf diese Behandlung an. Die Wirkung setzt nach ein paar Tagen ein und hält für circa drei Monate an. Für die Injektionen werden feine Nadeln verwendet, sodass die Behandlung kaum schmerzhaft ist. Sie muss jedoch alle drei Monate wiederholt werden.

Medikamentöse Therapien

Die medikamentöse Therapie spielt bei fokalen Dystonien eine untergeordnete Rolle, wird jedoch manchmal unterstützend eingesetzt. Zur Anwendung kommen Substanzen, die im Zentralnervensystem ansetzen, wie zum Beispiel Anticholinergika. Ihre Wirkung bei Dystonien kann dazu beitragen, die Symptome zu lindern. Die Zusammensetzung der Medikamente erfolgt individuell.

Chirurgische Therapie

Während einer Operation werden die Nerven der betroffenen Muskeln durchtrennt. Dadurch werden die Beschwerden der Dystonie gelindert. Neu ist die Implantation von Hirnschrittmachern in die Regionen des Gehirns, die für die Fehlsteuerung verantwortlich gemacht werden. Diese Methode wird in erster Linie bei schweren generalisierten idiopathischen Dystonien eingesetzt. Eine abschließende Beurteilung über die Wirksamkeit steht noch aus.

Weitere Therapieformen

Die Unterstützung durch einen Psychotherapeuten kann helfen, wenn es durch die Dystonie zu sozialen Problemen kommt. Um Fehlstellungen vorzubeugen, wird außerdem häufig Krankengymnastik eingesetzt.

Dystonie: Verlauf

Komplikationen

Gelegentlich treten bei einer Dystonie Nebenwirkungen der Botulinumtoxin-Therapie auf, sind jedoch meistens auf die Umgebung der Injektion begrenzt. Dennoch kann es vorkommen, dass angrenzende Muskelgruppen mit betroffen sind oder die Lähmung zu stark ist, sodass zum Beispiel der Kopf nicht mehr richtig gedreht werden kann. Diese Nebenwirkungen lassen jedoch mit der Zeit nach.

Eine weitere Komplikation bei langer Anwendung von Botulinumtoxin ist die Bildung von Antikörpern gegen das Gift, wodurch die Wirkung geschwächt wird oder erlischt (in drei bis zehn Prozent der Fälle). Aus diesem Grund sollten die Injektionen nicht in zu kurzen Abständen erfolgen. Es wird empfohlen, mindestens acht Wochen, besser drei Monate zwischen den einzelnen Spritzen abzuwarten.

Prognose

Eine Dystonie ist häufig zu Beginn in unterschiedlicher Stärke ausgeprägt. In einem Teil der Fälle (circa zehn bis 20 Prozent) kommt es innerhalb der ersten drei Jahre zum Rückgang (Remission) aller Symptome. Trotz vollständiger Remission kann die Dystonie jedoch erneut auftreten.

Kommt es nicht zur Remission, so ist häufig eine langsame Verschlechterung der Dystonie über drei bis fünf Jahre zu beobachten. Meistens stabilisiert sich das Krankheitsbild anschließend.

Eines der Hauptprobleme bei einer Dystonie ist der häufig auftretende Schmerz, der sich auch unabhängig von der eigentlichen Schwere der dystonen Bewegung verstärken kann.

Selten kann eine fokale Dystonie auch das Erstsymptom einer anderen Krankheit (z.B. Morbus Parkinson) sein. Der Verlauf dieser Krankheit bestimmt in einem solchen Fall die Prognose der Dystonie.

Dystonie: Vorbeugen

Da die Ursache der fokalen Dystonien bisher nicht bekannt ist, ist ein gezieltes Vorbeugen nicht möglich. Wichtig ist es, die Dystonie zu erkennen und rechtzeitig eine Therapie zu beginnen, bevor die Symptome zu belastend werden und sich Gelenkdeformationen oder soziale Einschränkungen verfestigen.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu „Dystonie”:

Linktipps:

www.dystonie.de
Website der Deutschen Dystonie Gesellschaft mit vielen Links zu lokalen Selbsthilfegruppen

www.dystonie.at
Website der Österreichischen Dystonie Gesellschaft

Veröffentlicht in:  on Juli 24, 2008 at 8:17 Kommentar schreiben
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Durchblutungsstörungen

Durchblutungsstörungen können plötzlich oder im Rahmen einer chronischen Gefäßerkrankung, einer so genannten Arteriosklerose, an zahlreichen Stellen im menschlichen Körper vorkommen. Heutzutage stellen sie in den Industrienationen die „Volkskrankheit Nummer eins“ dar.

Die Folgen von Durchblutungsstörungen sind Schmerzen, Funktionsminderung und im schlimmsten Fall das Absterben der betroffenen Zellen. Zu den typischen Erkrankungen, die mit Durchblutungsstörungen einhergehen, gehören u.a. die so genannte Schaufensterkrankheit (Durchblutungsstörungen in den Beinen) und die Koronare Herzkrankheit (KHK). Für ihre Entstehung sind Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Diabetes mellitus von entscheidender Bedeutung. Die Behandlung von Durchblutungsstörungen besteht in der Beseitigung der auslösenden Ursachen, in der Schmerztherapie, in physiotherapeutischen Maßnahmen und in der Gefäßchirurgie.

Durchblutungsstörungen: Definition

Herz-Kreislauf-Erkrankungen und damit einhergehende Durchblutungsstörungen stellen sie in den Industrienationen die „Volkskrankheit Nummer eins“ dar. Jeder zweite Todesfall ist bereits auf sie zurückzuführen. Die Gründe dafür sind einerseits die zunehmende Lebenserwartung und andererseits das Auftreten von Wohlstandserkrankungen, die ihrerseits die Entstehung von Gefäßerkrankungen begünstigen. Allgemein sind sie unter dem Namen Arteriosklerose (Arterienverkalkung) bekannt.

Die Durchblutung eines Organs ist notwendig, um seine Sauerstoffversorgung zu gewährleisten. Auch andere Substanzen, die für das Funktionieren des Organs notwendig sind, werden aus dem Blut aufgenommen und wieder andere, wie z.B. Kohlendioxid, über die Blutgefäße abtransportiert. Die Leistungsfähigkeit wird durch das Sauerstoffangebot begrenzt. Die Toleranzgrenze der Zellen, ohne Sauerstoff zu überleben, unterscheidet sich in den einzelnen Organen. So kann das Gehirn acht bis zehn Minuten ohne Sauerstoff überleben, Niere und Leber drei bis vier Stunden und das ruhende Herz sogar mehrere Stunden. Ab einem gewissen Punkt kommt es zu einer Funktionsstörung, die jedoch noch rückbildungsfähig ist, wie z.B. die Lähmung eines Beins. Ist die Toleranzgrenze überschritten, so stirbt das betroffene Gewebe ab (Herzinfarkt, Schlaganfall, Raucherbein).

Durchblutungsstörungen können entweder plötzlich (akut) oder auch sehr langsam (chronisch) an jeder Stelle im Körper entstehen. Je nach Lokalisation unterscheiden sich die auftretenden Beschwerden. Einigen Formen gehen mit heftigen Schmerzen einher, wie z.B. Durchblutungsstörungen des Darms, des Herzens oder der Extremitäten. Andere sind jedoch nicht zwingend mit Schmerzen verbunden, wie z.B. ein Schlaganfall.

Häufigkeit

Die Häufigkeit von Durchblutungsstörungen steigt mit dem Lebensalter an und liegt bei zehn Prozent der 60- bis 70-Jährigen. Männer sind viermal häufiger betroffen als Frauen. Am häufigsten treten Durchblutungsstörungen in den Beinen, weniger häufig in den Armen auf. Noch seltener kommt es zu Störungen der Darmversorgung oder anderen Sonderformen.

Durchblutungsstörungen: Ursachen

Die Ursachen von Durchblutungsstörungen durch Gefäßveränderungen können sein:

  • Arteriosklerose
  • Embolie
  • Gefäßentzündungen (Vaskulitis)

Blutarmut (Anämie), Kreislauf- oder Atmungsstörungen können die Sauerstoff begrenzende Wirkung verstärken.

Risikofaktoren für Gefäßerkrankungen sind:

Gicht, Übergewicht und Bewegungsmangel sind dagegen eher von untergeordneter Bedeutung.

Wichtig hierbei ist, dass das Risikoprofil für die verschiedenen Gefäßerkrankungen unterschiedlich gelagert ist. So ist der Hauptrisikofaktor für die Schaufensterkrankheit (Durchblutungsstörungen in den Beinen) das Rauchen, für den Herzinfarkt jedoch die Erhöhung der Blutfettwerte (Hyperlipidämie).

Arteriosklerose

Mit zunehmendem Alter kommt es in den Arterien, wie auch in anderen Körpergeweben, zu Elastizitätsverlust und zu Abnutzungserscheinungen. Durch die Strömungsverhältnisse in den Blutgefäßen sind bestimmte Bereiche, wie z.B. Gefäßaufzweigungen, besonders gefährdet. Es kommt zu Minimalverletzungen der inneren Gefäßwand (Endothel), wodurch in der Folge das Immunsystem ähnlich wie bei einer Hautwunde aktiviert wird. Durch komplizierte biochemische Prozesse entsteht ein arteriosklerotischer Plaque, durch den im Endstadium das Blutgefäß hochgradig eingeengt wird. Bei langsam fortschreitenden Durchblutungsstörungen können so Kollateralkreisläufe entstehen, bei welchen die Blutversorgung von kleineren, zuvor eher unbedeutenden Blutgefäßen übernommen wird und die Beschwerden erst verzögert eintreten.

Embolie

Ein akuter Gefäßverschluss entsteht häufig durch eine Embolie. Darunter versteht man den plötzlichen Verschluss eines Blutgefäßes durch über die Blutbahn verschleppte Fremdkörper wie Blutgerinnsel (Thrombose), Tumorteile, Fruchtwasser oder auch Luft.

Vaskulitiden

Gefäßveränderungen können selten auch als Folge von Vaskulitiden, d.h. von Gefäßentzündungen, auftreten. Ursache hierfür sind wahrscheinlich autoimmunologische, also gegen den eigenen Körper gerichtete Prozesse.

Durchblutungsstörungen: Symptome

Die Beschwerden bei Durchblutungsstörungen äußern sich ja nach Ort der Störung unterschiedlich.

Extremitäten

Im Fall eines akuten Gefäßverschlusses einer Extremitätenarterie kommt es innerhalb weniger Minuten zu heftigsten Beschwerden im betroffenen Arm oder Bein. Die auftretenden Symptome werden auch, nach ihren englischen Bezeichnungen, die „sechs P´s“ genannt:

  • Pulsverlust (pulselessness)
  • Schmerz (pain)
  • Blässe und Kälte (paleness)
  • Sensibilitätsstörungen, Taubheitsgefühl (paraesthesia)
  • Muskelschwäche, Lähmung (paralysis)
  • Schock (prostration)

Die chronische arterielle Verschlusskrankheit mit Durchblutungsstörungen in den Beinen ist allgemein als Schaufensterkrankheit bekannt. Diese Bezeichnung rührt von den durch die Schmerzen bedingten Gehpausen her, die dem Betrachter als Schaufensterbummel erscheinen können. Eine weitere Bezeichnung ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit, kurz pAVK genannt. Je nach Art der Beschwerden können vier Stadien unterschieden werden:

Stadium I

Im ersten Stadium der Durchblutungsstörung bereiten die Gefäßveränderungen keine Beschwerden.

Stadium II

Im zweiten Stadium der Durchblutungsstörung kommt es typischerweise zu Schmerzen bei Belastung, wie etwa beim Gehen, die in Ruhe rasch wieder nachlassen. Durch die Bestimmung der schmerzfreien Gehstrecke werden das Stadium IIa (mehr als 200 Meter) und das Stadium IIb (weniger als 200 Meter) unterschieden.

Stadium III

Im dritten Stadium ist die Durchblutung schon so weit reduziert, dass die Schmerzen auch in Ruhe, vor allem beim Hochlagern der Beine oder beim Liegen, auftreten. Im Sitzen werden die Beine durch die Wirkung der Schwerkraft wieder besser durchblutet.

Stadium IV

Die Durchblutungsstörungen sind im vierten Stadium bereits so schwer, dass Gewebeschäden die Folge sind. Im fortgeschrittenen Stadium spricht man vom Raucherbein. Je nach Lokalisation des Gefäßverschlusses kann man drei Typen unterscheiden:

  • Beckentyp
  • Oberschenkeltyp
  • Unterschenkeltyp

Fast immer sind beide Beine betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Da beim Diabetiker auch die Nerven geschädigt sind, verläuft die Erkrankung lange Zeit schmerzfrei und wird bei mangelnder Vorsorge oft erst im Stadium IV diagnostiziert.

Viszeralarterien-Insuffizienz

Beim einer sog. Viszeralarterien-Insuffizienz handelt es sich um einen Verschluss der Arterie, die den Darm versorgt. Bei einem akuten Verschluss kommt es zu einem lebensbedrohlichen Krankheitsbild, welches mit heftigen Bauchschmerzen beginnt. Es können auch Übelkeit, Erbrechen sowie eine Schocksymptomatik auftreten. Nach einigen Stunden bessern sich die Schmerzen, es entwickeln sich jedoch eine Darmlähmung (paralytischer Ileus) und in der Folge eine Bauchfellentzündung (Peridontitis). Gefährlich ist dabei das Absterben des Darmgewebes (Darmgangrän).

Eine chronische Durchblutungsstörung des Darms, die im Gegensatz zur Angina pectoris als Angina intestinalis bezeichnet wird, geht typischerweise mit Bauchschmerzen nach dem Essen einher. Aufgrund dieser Schmerzen kann es zu Nahrungsverweigerung und dadurch auch zu Gewichtsverlust kommen.

Koronare Herzkrankheit

Bei der weit verbreiteten Koronaren Herzkrankheit (KHK) handelt es sich um eine Durchblutungsstörung des Herzmuskels. Die Folgen sind Angina pectoris und der Herzinfarkt, deren Hauptsymptom ein beengender und Angst auslösender Brustschmerz ist.

Durchblutungsstörungen der Finger

Anfallsweise auftretende Durchblutungsstörungen einzelner Finger oder Zehen werden als Raynaud-Syndrombezeichnet. Es handelt sich dabei um reflektorische Gefäßkrämpfe, die z.B. durch Stress oder durch Kälteeinwirkung ausgelöst werden und in erster Linie Frauen betreffen. Die Finger werden zunächst weiß, dann bläulich und sobald die Durchblutung wieder einsetzt rot. Die Schmerzen stehen dabei jedoch nicht im Vordergrund.

Daneben gibt es Durchblutungsstörungen der Finger als Folge verschiedener zugrunde liegender Erkrankungen, wie z.B. Sklerodermie, die häufig mit Schmerzen und Gewebeschäden einhergehen können.

Durchblutungsstörungen: Diagnose

In den meisten Fällen können Durchblutungsstörungen schon aufgrund der typischen Beschwerden und klinischen Untersuchungen diagnostiziert werden. Aufwändigere Untersuchungen werden durchgeführt, um die Verdachtsdiagnose zu bestätigen, den Schweregrad der Erkrankung zu bestimmen und bisher unbekannte Risikofaktoren zu ermitteln.

Blutdruckmessung

Weichen die Blutdruckwerte der rechten und linken Extremität deutlich von einander ab, so ist dies ein Hinweis für eine einseitige Gefäßveränderung.

Provokationstests

Durch verschiedene standardisierte Bewegungsprüfungen kann eine Durchblutungsstörung objektiviert werden. So kann z.B. bei einem Gehtest mit vorgegebener Gehgeschwindigkeit die schmerzfreie Gehstrecke genau ermittelt werden.

Dopplersonographische Druckmessung

Bei der dopplersonographischen Druckmessung wird nach einer Ruhephase von mindestens 15 Minuten im Liegen der systolische Blutdruck an beiden Oberarmen sowie an beiden Knöcheln gemessen. Auf diese Weise lässt sich der so genannte Doppler-Index ermitteln, der das Verhältnis zwischen Knöchel- und Oberarmarteriendruck beschreibt. Werte unter 0,9 sind ein Hinweis für eine Durchblutungsstörung. Auf einem ähnlichen Prinzip basiert die Oszillographie, mit der genaue Puls-Volumen-Kurven aufgezeichnet werden können.

Angiographie

Eine Angiographie ist die radiologische Darstellung der Arterien mithilfe eines Röntgenkontrastmittels, das direkt in eine Schlagader injiziert wird. Sie dient der genauen Darstellung der Gefäßsituation. Es handelt sich dabei um ein invasives Verfahren mit möglichen Nebenwirkungen wie z.B. Kontrastmittelallergie, Nachblutung oder Thrombose, das nur angewendet wird, wenn eine operative Therapie, wie etwa eine Gefäßrekonstruktion, erforderlich ist.

Durchblutungsstörungen: Therapie

Durchblutungsstörungen werden nach zwei Ansatzpunkten therapiert: Zum einen müssen die auftretenden Symptome behandelt werden, zum anderen muss auch eine Gesamtstrategie entwickelt werden, mit deren Hilfe das Fortschreiten der Gefäßerkrankungen aufgehalten werden kann. So ist das Therapieziel im Stadium I, eine Verschlechterung der Erkrankung zu verhindern. Im Stadium II muss die Gehstrecke verbessert werden. In den Stadien III und IV ist oberste Priorität, die Extremität zu erhalten.

Erstmaßnahmen

Als Erstmaßnahme bei Verdacht auf einen akuten Gefäßverschluss sollte die betroffene Extremität abgepolstert und tief gelagert werden. Gleichzeitig werden Schmerz lindernde Medikamente und Heparin zur Blutverdünnung gegeben. Bei einem schlechten Allgemeinzustand sind zusätzlich eine Flüssigkeitsgabe über Infusionen und eine Sauerstoffzufuhr notwendig. Ein hochgradig akuter Gefäßverschluss ist ein medizinischer Notfall und muss innerhalb kürzester Zeit an einer gefäßchirurgischen Klinik versorgt werden.

Medikamente

Eine Gefäßerkrankung kann nur indirekt medikamentös behandelt werden:

  • Behandlung der Risikofaktoren
  • Behandlung von Begleiterkrankungen, die sich auf die Sauerstoffversorgung des Körpers auswirken, wie Herz- oder Lungenerkrankungen
  • Verbesserung der Fließeigenschaften des Bluts mit Thrombozyten-Aggregationshemmern wie Acetylsalicylsäure und anderen Medikamenten (Buflomedil, Naftidrofuryl, Pentoxifyllin)
  • bei fortgeschrittener Erkrankung werden u.a. zusätzlich durchblutungsfördernde Infusionstherapien mit Prostaglandinen, Plasmaexpandern oder mit Substanzen, welche die Flexibilität der roten Blutkörperchen steigern, sowie eine Blutverdünnung durchgeführt.
  • je nach Stärke der Schmerzen werden herkömmliche Schmerzmittel, sog. nicht-steroidalen Antirheumatika, oder Schmerzmittel aus der Gruppe der Opiate wie z.B. Morphium verwendet.

Allgemeine Maßnahmen

Bewegungstherapie

Durch regelmäßiges Bewegungstraining wird die Entstehung der Kollateralkreisläufe gefördert und die Durchblutung verbessert. Bei der Schaufensterkrankheit ist das Gehtraining, evtl. auf einem Laufbandergometer, eine hilfreiche Methode. Auch aktive Krankengymnastik, Schwimmtraining oder Fahrradtraining (Ergometer) zeigen sehr gute Effekte.

Physiotherapie

Verschiedene Bäder wirken sich in Ergänzung zum Bewegungstraining positiv auf die Durchblutung aus. Dazu zählen das Kohlensäurebad und warm aufsteigende Armbäder. Wechselwarme Bäder sind nur im Frühstadium arterieller Durchblutungsstörungen geeignet.

Invasive Therapie

Embolektomie

Bei der Embolektomie kann mit dem so genannten Fogarty-Katheter, einem speziellen Ballonkatheter, ein Embolus, der ein Blutgefäß verlegt, unter örtlicher Betäubung entfernt werden.

Gefäßdilatation

Vor allem bei kurzstreckigen Gefäßverschlüssen eignen sich interventionelle Verfahren, die ebenso mit einem Ballonkatheter durchgeführt werden. Man spricht dabei von einer perkutanen transluminalen Angioplastie (PTA). Das Gefäß wird mit dem Ballon aufgedehnt (Gefäßdilatation) und kann dann evtl. durch das Einsetzen einer Drahthülse, einem sog. Stent, offen gehalten werden.

Lysetherapie

Durch die intravenöse oder eine direkt in das betroffene Gefäß erfolgende Verabreichung von bestimmten blutverdünnenden Medikamenten, den sog. Fibrinolytika, können in manchen Fällen frische Blutgerinnsel aufgelöst werden. Diese so genannte Lysetherapie erfolgt aufgrund der erhöhten Blutungsgefahr unter intensiver Überwachung.

Operation

Es gibt zahlreiche Operationsverfahren, die bei Gefäßerkrankungen zum Einsatz kommen. Die wichtigsten sind die Ausschälplastik (Desobliteration), die Patchplastik mit Einnähen eines Venen- oder Kunsstoffstreifens, sowie der Gefäßersatz durch eine körpereigene Vene, Arterie oder durch eine Kunststoffprothese. Ist eine Extremität auf diesem Weg nicht mehr zu retten, wird eine Amputation erforderlich.

Darm-Durchblutungsstörungen

Je schwerer die Symptome bei Durchblutungsstörungen des Darms sind, umso rascher muss operiert werden, um den Blutfluss wieder herzustellen. Ein akuter Gefäßverschluss führt innerhalb kurzer Zeit zum Absterben von Darmgewebe (Darmgangrän) und endet in der Folge ohne rechtzeitige Therapie tödlich. Operationsalternativen sind hierbei das Entfernen des geschädigten Darmteils, die Rekonstruktion der Arterie oder eine Kombination beider Techniken.

Raynaud-Syndroms

Bei Durchblutungsstörungen der Finger (Raynaud-Syndrom) muss eine zugrunde liegende Erkrankung ausgeschlossen bzw. behandelt werden. Kälteeinwirkung und Nikotin sollten vermieden sowie das verschiedene Entspannungstechniken erlernt werden. In schweren Fällen kann eine operative Durchtrennung des Sympathikusnervs, die sog. transaxilläre, transthorakale Sympathektomie, durchgeführt werden.

Durchblutungsstörungen: Verlauf

Die Prognose bei Durchblutungsstörungen hängt in erster Linie von der Beseitigung der auslösenden Ursachen ab. Bereits entstandene Gefäßschäden bilden sich nicht mehr zurück. Nach Behandlung bzw. Ausschaltung der Risikofaktoren schreitet die Arteriosklerose jedoch auch nicht mehr oder nur sehr langsam fort. Bleiben die Risikofaktoren jedoch bestehen oder ist die Erkrankung schon in einem fortgeschrittenen Stadium, so drohen Herzinfarkt oder Schlaganfall, insgesamt eine deutlich verkürzte Lebenserwartung sowie die Notwendigkeit von Amputationen.

Durchblutungsstörungen: Vorbeugen

Durchblutungsstörungen kann man vorbeugen, indem man die Risikofaktoren vermeidet und zugrunde liegende Erkrankungen behandelt. Allgemeine Maßnahmen wie Raucherentwöhnung, Gewichtsreduktion und Bewegungstraining sind von großer Bedeutung. Ein kontrollierter Genuss von alkoholischen Getränken, d.h. etwa ein bis zwei Gläser Bier oder Wein pro Tag, sollen sich laut Empfehlung der American Heart Association günstig auf die Durchblutung gesunder Personen auswirken.

Weitere Informationen

Weitere Infos finden Sie hier:

Linktipps:

www.angiologie-online.de
Forum Gefäßmedizin, Informationen für Patienten: Arterien, Venen, Lymphgefäße, Gefäßkrankheiten

www.gefaesserkrankung.de
Ausführliche Informationen zum Thema Durchblutungsstörungen

www.vascular.de
AVK-Selbsthilfegruppe

Veröffentlicht in:  on at 8:16 Kommentar schreiben
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Dünndarmtumoren

Zu den Dünndarmtumoren gehören sowohl gutartige als auch bösartige Tumoren, die sich in den verschiedenen Abschnitten des etwa vier bis sieben Meter langen Dünndarms entwickeln. Die Ursachen für Dünndarmkrebs sind bisher nicht vollständig bekannt. Es sind jedoch Erkrankungen bekannt, die mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Dünndarmtumoren verbunden sind.

Es gibt keine frühen Anzeichen, die auf das Vorliegen eines Dünndarmtumors hinweisen. Typischerweise treten erst mit zunehmender Tumorgröße Beschwerden wie Blutungen, Bauchschmerzen und Übelkeit auf. Eine lebensbedrohliche Situation entsteht, wenn es durch den Dünndarmtumor zu einem Darmverschluss kommt. Vorrangig wird der Tumor operativ entfernt.

Nur etwa die Hälfte der von einem bösartigen Dünndarmtumor (Dünndarmkrebs) Betroffenen lebt nach der Diagnosestellung noch länger als fünf Jahre. Ein gutartiger Dünndarmtumor wird dagegen sehr selten zur Todesursache.

Dünndarmtumoren: Definition

Dünndarmtumoren bezeichnen sowohl gutartige als auch bösartige Geschwülste, die sich in den verschiedenen Abschnitten des Dünndarms entwickeln.

Anatomie

Der Dünndarm befindet sich im unteren Bauchraum und besteht aus drei aufeinander folgenden Abschnitten:

  • Zwölffingerdarm (Duodenum)
  • Leerdarm (Jejunum)
  • Krummdarm (Ileum)

Der Zwölffingerdarm schließt sich unmittelbar an den Magen an. Er ist etwa 30 Zentimeter lang. Jejunum und Ileum sind zusammen etwa vier bis sieben Meter lang, wobei etwa zwei Fünftel dem Jejunum und drei Fünftel dem Ileum zugerechnet werden. Am Übergang des Ileums in den Dickdarm befindet sich eine Klappe, die den Rückstrom von Dickdarminhalt in den Dünndarm verhindert.

Verdauungsorgane

Die Verdauungsorgane

Im Dünndarm werden die mit der Nahrung aufgenommenen Stoffe verdaut und ins Blut aufgenommen (Resorption). Um eine möglichst große resorbierende Oberfläche zu erreichen, ist die gesamte Dünndarmschleimhaut mit kleinsten Zotten besetzt.

Gutartige Dünndarmtumoren

Gutartige (benigne) Dünndarmtumoren, die man auch als Dünndarmpolypen bezeichnet, sind wesentlich häufiger als bösartige Dünndarmtumoren (Dünndarmkrebs). Sie können sich aus unterschiedlichen in der Dünndarmwand vorkommenden Geweben ableiten und einzeln oder in großer Zahl (multipel) entstehen.

Als gutartig werden Tumoren bezeichnet, die weder in benachbartes Gewebe einwachsen und dieses zerstören noch Tochtergeschwülste (Metastasen) in anderen Organen bilden. Dennoch können gutartige Dünndarmtumoren durch ihr Wachstum zu gesundheitlichen Problemen führen, wenn sie benachbarte Organe einengen oder Hohlorgane wie den Darm durch ihre Größe verstopfen. Zudem besteht die Gefahr, dass zunächst gutartige Tumoren im Verlauf bösartig werden.

Ursprungsgewebe gutartiger Dünndarmtumor
Schleimhaut Adenom
Muskelgewebe Leiomyom
Bindegewebe Fibrom
Fettgewebe Lipom
Gefäße Angiom
Nerven Neurogene Tumoren
Mischtumore Hamartome

Bösartige Dünndarmtumoren (Dünndarmkrebs)

Bösartige (maligne) Dünndarmtumoren sind äußerst selten. Man unterscheidet zwischen Tumoren, die direkt im Darm entstehen (primäre bösartige Dünndarmtumoren), und solchen, die sich als Tochtergeschwülste (Metastasen) anderer Krebsarten in den Darm absiedeln (sekundäre bösartige Dünndarmtumoren). Solche Dünndarmmetastasen treten besonders häufig beim schwarzen Hautkrebs (Melanom), beim Magenkrebs oder beim Bauchspeicheldrüsenkrebs auf.

Die primären bösartigen Dünndarmtumoren lassen sich von den verschiedenen in der Darmwand vorkommenden Geweben ableiten:

Ursprungsgewebe Bösartiger Dünndarmtumor
Schleimhaut Karzinom
Muskel-, Bindegewebe Sarkom
Lymphgewebe Lymphom
Bestimmte hormonbildende Zellen (APUD) Karzinoid

Häufigkeit

Bösartige Dünndarmtumoren (Dünndarmkrebs) sind sehr selten. Etwa fünf Prozent aller bösartigen Tumoren des gesamten Magen-Darm-Trakts entfallen auf den Dünndarm. Innerhalb sämtlicher Darmtumoren treten nur vier Prozent im Dünndarm auf, die übrigen betreffen den Dickdarm sowie den Enddarm.

Dünndarmtumoren: Ursachen

Die Ursachen für Dünndarmtumoren sind noch nicht vollständig geklärt. Die Tatsache, dass Tumoren im Dünndarm wesentlich seltener als im Dickdarm auftreten, wird mit der kurzen Passagezeit von mit der Nahrung aufgenommenen Stoffen erklärt. Mögliche schädigende Substanzen, wie beispielsweise Konservierungsstoffe, Farbstoffe oder andere Chemikalien, haben nur kurzfristig mit der Dünndarmschleimhaut Kontakt und richten so weniger Schaden an.

Das Risiko, einen bösartigen Dünndarmtumor (Dünndarmkrebs) zu entwickeln, ist bei bestimmten Erkrankungen des Dünndarms erhöht. Dazu gehören der Morbus Crohn (eine chronisch entzündliche Darmerkrankung) sowie das Peutz-Jeghers-Syndrom. Beim erblich bedingten Peutz-Jeghers-Syndrom treten multiple, zunächst gutartige Tumoren in Dünn- und Dickdarm auf, die sich zu bösartigen Tumoren entwickeln können. Außerdem entstehen im Bereich der Lippen und der Mundschleimhaut auffällige Pigmentflecken.

Bei einigen anderen Erbkrankheiten kommt es ebenfalls gehäuft zu Adenomen (Polypen) des Dünndarms (familiäre Polyposis-Syndrome), die entarten können.

Dünndarmtumoren: Symptome

Gutartige Dünndarmtumoren machen nur selten Beschwerden. Es können jedoch gelegentlich Blutungen auftreten. Mit zunehmender Größe kann der Dünndarms eingeengt werden, was zu kolikartigen Schmerzen führt. Im Extremfall kann ein Darmverschluss (Ileus) auftreten, der sofort operativ beseitigt werden muss.

Patienten mit bösartigen Dünndarmtumoren (Dünndarmkrebs) haben zunächst oft uncharakteristische Beschwerden wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung. Erst mit zunehmender Krankheitsdauer treten Blutungen oder kolikartige Schmerzen auf. Bei größeren Tumoren besteht die Gefahr eines Darmverschlusses.

Dünndarmtumoren: Diagnose

Große Tumoren können bei schlanken Menschen durch die Bauchdecke tastbar sein. Die beste Methode zur Entdeckung eines Dünndarmtumors ist jedoch die Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel. Bei dieser Untersuchung wird das für Röntgenstrahlung undurchlässige Kontrastmittel über einen dünnen Schlauch, der über den Mund und die Speiseröhre geführt wird, direkt in den Zwölffingerdarm gegeben. Auf dem entstehenden Röntgenbild sind eventuell vorhandene Tumoren dann sichtbar.

Da der Dünndarm in vielfältigen Schlingen auf kleinstem Raum in der Bauchhöhle aufgeknäult liegt, sind die modernen Schnittbildverfahren, wie die Computertomographie (CT) und die Magnetresonanztomographie (MRT), weniger geeignete Untersuchungen zur Diagnose von Dünndarmtumoren. Manchmal gelingt es, die Tumoren bei einer Ultraschalluntersuchung (Sonographie) zu entdecken.

Bei einer Darmspiegelung mit dem Endoskop können nur der Anfangsteil des Zwölffingerdarms vom Magen aus und der Endabschnitt des Ileums vom Dickdarm aus eingesehen werden. Um den dazwischen liegenden Dünndarmabschnitt ebenfalls betrachten zu können, steht seit einiger Zeit die Videokapselendoskopie (geschluckte Minikamera) zu Verfügung.

Bei hochgradigem Verdacht auf das Vorliegen eines Dünndarmtumors und ergebnislosen Untersuchungsbefunden bleibt als letzte Möglichkeit noch die explorative Laparatomie. Darunter versteht man eine operative Öffnung der Bauchdecke zur Beurteilung der Organe in der Bauchhöhle mit der Hand und direkter Sichtkontrolle. In manchen Fällen ist auch die Inspektion der Bauchhöhle mit einer minimal invasiven Technik (Laparoskopie) sinnvoll.

Dünndarmtumoren: Therapie

Gutartige Dünndarmtumoren werden operativ entfernt, wenn sie Beschwerden in Form von Blutungen oder Einengungen des Darms verursachen.

Für die Behandlung der bösartigen Dünndarmtumoren (Dünndarmkrebs) kommen eine Operation sowie Strahlentherapie und Chemotherapie in Betracht. Wenn möglich wird der Dünndarmtumor chirurgisch entfernt, indem der gesamte tumortragende Darmabschnitt mit einem Sicherheitsabstand von mehreren Zentimetern beseitigt wird.

Durch eine alleinige Strahlentherapie sind Karzinome, Sarkome und Karzinoide des Dünndarms nicht heilbar, da die zur Zerstörung des Tumors notwendige Strahlendosis auch das umliegende, gesunde Dünndarmgewebe zerstören würde.

Bei ausgedehnten inoperablen Tumoren kann eine kombinierte Strahlen-Chemotherapie eingesetzt werden, um den Tumor soweit zu verkleinern, dass eine Operation möglich wird (neoadjuvante Therapie).

Lymphome des Dünndarms werden mit einer kombinierten Strahlen-Chemotherapie behandelt. Die Operation ist hier von untergeordneter Bedeutung.

Dünndarmtumoren: Verlauf

Komplikationen

Dünndarmtumoren fallen häufig zum ersten Mal erst dann auf, wenn es zu Komplikationen kommt. Sämtliche dieser Komplikationen sind Notfälle, die eine Behandlung im Krankenhaus und eine sofortige Operation notwendig machen. Zu den möglichen Komplikationen bei Dünndarmtumoren gehören der Darmverschluss (Ileus), Blutungen und der Durchbruch des Tumors durch die Darmwand (Perforation) mit nachfolgender Bauchfellentzündung (Peritonitis).

Bösartige Tumoren beschränken sich häufig nicht auf die einzelne Darmwand, sondern wachsen in die unmittelbar benachbarten Dünndarmschlingen ein. Es bilden sich dabei krebsige Verwachsungen, so genannte Konglomerattumoren.

Die Absiedelung (Metastasierung) des Tumors in Lymphknoten in der Umgebung ist häufig. Auch Absiedelungen in anderen Organen, bevorzugt in der Lunge und in den Knochen, können auftreten und dort Schmerzen bereiten. Die Ausbreitung des Krebses innerhalb des Bauchfells (Perintonealkarzinose) ist ebenfalls möglich. Dabei kann es zu teilweise erheblichen Wasseransammlungen im Bauchraum kommen (Aszites).

Prognose

Die Heilungsraten für Patienten mit bösartigen Dünndarmtumoren (Dünndarmkrebs) sind nicht gut, da die Diagnose meist sehr spät gestellt wird. Die 5-Jahres-Überlebensraten aller bösartiger Dünndarmtumoren liegen bei etwa 50 Prozent.

Patienten mit kleinen Tumoren, die auf die Darmwand begrenzt sind und vollständig entfernt werden können, haben eine deutlich bessere Prognose: Hier liegen die 5-Jahres-Überlebensraten bei etwa 70 Prozent.

Nachsorge

Nach der erfolgreichen Operation von bösartigen Dünndarmtumoren (Dünndarmkrebs) sind in regelmäßigen Abständen Nachuntersuchungen notwendig, um ein eventuelles Wiederauftreten des Tumors (Rezidiv) rechtzeitig zu entdecken.

Nach der Behandlung im Krankenhaus kann ein Aufenthalt in einem spezialisierten Rehabilitationszentrum sinnvoll sein. Ziel der Rehabilitation ist es, die Lebensqualität zu sichern und zu verbessern. Ob ein Reha-Aufenthalt nach der Entfernung eines Dünndarmtumors notwendig ist, wird jeweils im Einzelfall entschieden und hängt von der Art und dem Ausmaß der Operation ab.

Dünndarmtumoren: Vorbeugen

Bisher sind keine vorbeugenden Maßnahmen gegen das Auftreten bösartiger Dünndarmtumoren (Dünndarmkrebs) bekannt. Eine Entfernung des gesamten Dünndarms bei Patienten mit Erkrankungen, die ein erhöhtes Risiko darstellen, wie etwa Morbus Crohn oder Peutz-Jeghers-Syndrom, ist nicht möglich, da der Dünndarm für die Resorption der Nährstoffe unverzichtbar ist.

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Dreitagefieber (Exanthema subitum)

Das Dreitagefieber ist eine harmlose Virusinfektion, die in der Regel Kinder zwischen sechs Monaten und drei Jahren betrifft.

Nach dreitägigem hohem Fieber tritt ein flüchtiger, kleinfleckiger Hautausschlag (Exanthem) auf. Die Diagnose ergibt sich aus dem typischen Verlauf. Zur Behandlung werden fiebersenkende und eventuell auch antiepileptische Zäpfchen verabreicht. Komplikationen wie etwa Fieberkrämpfe sind eher selten. Die Krankheit klingt normalerweise nach etwa fünf bis sieben Tagen ohne Folgeschäden ab und hinterlässt eine lebenslange Immunität.

Dreitagefieber: Definition

Das Dreitagefieber wird auch als Exanthema subitum oder Roseola infantum bezeichnet und ist eine akute Viruserkrankung bei Säuglingen und Kleinkindern, die besonders im Frühjahr und Herbst auftritt. Charakteristisch ist der plötzliche Fieberanstieg auf 40 Grad Celsius oder höher, der nach drei bis vier Tagen wieder abrupt abfällt. Anschließend tritt ein typischer Hautausschlag auf, der ebenso wie eventuelle Begleitbeschwerden (z.B. Durchfall) ohne Folgeschäden abklingt.

Häufigkeit

Das Dreitagefieber ist eine typische Kinderkrankheit und weltweit verbreitet. Es befällt fast ausschließlich Kinder im Alter von sechs Monaten bis drei Jahren. Etwa zehn Prozent der Kinder mit Dreitagefieber entwickeln Fieberkrämpfe. Diese sind meistens harmlos und dauern in der Regel weniger als zehn Minuten an.

Dreitagefieber: Ursachen

Das Dreitagefieber (Exanthema subitum) wird durch zwei Typen des Humanen Herpesvirus (HHV-6, seltener HHV-7) ausgelöst. Diese werden durch Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen, Spucken) übertragen. Zwischen der Ansteckung und dem Auftreten der ersten Krankheitsbeschwerden (Inkubationszeit) vergehen etwa drei bis 15 Tage.

Dreitagefieber: Symptome

Das Dreitagefieber (Exanthema subitum) beginnt plötzlich mit einem hohem Fieber bis zu 40 Grad Celsius oder höher, das drei bis vier Tage anhält. Das Allgemeinbefinden ist dabei nicht oder kaum beeinträchtig. Vor allem bei Säuglingen kann es zu Krampfanfällen (Fieberkrämpfe) kommen, die in der Regel harmlos verlaufen. Nach drei bis vier Tagen sinkt das Fieber wieder auf Normaltemperatur, währenddessen tritt ein kleinfleckiger, blassroter Röteln-ähnlichen Ausschlag (rubeoliformes Exanthem) auf. Das Exanthem kann sich am ganzen Körper bilden (eher selten im Gesicht) und verschwindet nach zwei bis drei Tagen.

Dreitagefieber: Diagnose

Der typische Verlauf des Dreitagefiebers (Exanthema subitum) mit plötzlichem, starkem Temperaturanstieg und dem charakteristischen Ausschlag führt zur eindeutigen Diagnose. In unklaren Fällen gibt auch eine Blutuntersuchung Aufschluss.

Dreitagefieber: Therapie

Bei einem Dreitagefiebers (Exanthema subitum) werden fiebersenkende Mittel (z.B. Paracetamol) und gegebenenfalls antiepileptische Medikamente (Diazepam), meist in Form von Zäpfchen, verabreicht. Außerdem können Wadenwickel das Fieber senken. Da durch das Fieber sehr viel Flüssigkeit verloren wird, sollte besonders viel Flüssigkeit aufgenommen werden.

Dreitagefieber: Verlauf

Das Dreitagefiebers (Exanthema subitum) klingt im Allgemeinen nach fünf bis sieben Tagen ohne Folgeschäden ab und hinterlässt eine lebenslange Immunität. Ein Dreitagefieber kann auch völlig fieberfrei auftreten und sich erst durch den Ausschlag bemerkbar machen oder sogar ganz unbemerkt bleiben.

Aufgrund des Hautausschlags wird das Dreitagefieber oft mit Masern oder Röteln verwechselt.

Komplikationen

Zu den seltenen Komplikationen beim Dreitagefieber zählen:

Dreitagefieber: Vorbeugen

Bisher sind keine vorbeugenden Maßnahmen für das Dreitagefieber (Exanthema subitum) bekannt und aufgrund der niedrigen Komplikationsrate auch nicht notwendig. Eine Schutzimpfung steht nicht zur Verfügung.

Drei-Monats-Kolik, Schreibaby

Heftige, unstillbare Schreiattacken von Säuglingen, die in den ersten drei (manchmal auch bis zu sechs) Lebensmonaten auftreten, werden häufig als Drei-Monats-Kolik bezeichnet. Die betroffenen Säuglinge werden Schreibabys genannt. Ein Grund für das Schreien ist nicht erkennbar. Meist beginnen die Säuglinge etwa eine halbe Stunde nach der Mahlzeit sowie am späten Nachmittag zu schreien und lassen sich kaum beruhigen. Der Bauch ist oft geschwollen und gespannt. Außerdem können bei Schreibabys Schlafstörungen und Probleme beim Füttern auftreten.

Die Ursachen für die Drei-Monats-Kolik sind – anders als der Name vermuten lässt – nicht eindeutig geklärt. Sowohl psychische als auch körperliche Faktoren können ein Grund für das lang anhaltende Schreien sein. Für die Diagnose entscheidend ist daher neben der körperlichen Untersuchung des Säuglings auch die genaue Befragung der Eltern. Zusätzlich sind beispielsweise Tests, Videoaufnahmen oder Blutuntersuchungen sinnvoll. Die Therapie einer Drei-Monats-Kolik richtet sich nach der Krankheitsursache.

Drei-Monats-Kolik, Schreibaby: Definition

Heftige Schreiattacken von Säuglingen, die im ersten Lebenshalbjahr auftreten, werden häufig als Drei-Monats-Kolik bezeichnet. Die Drei-Monats-Kolik tritt ab der zweiten Lebenswoche auf und klingt meist nach dem dritten Lebensmonat ab (daher die Bezeichnung Drei-Monats-Kolik).

Das exzessive Schreien setzt gehäuft nach den Mahlzeiten und am späten Nachmittag ein. Die betroffenen Säuglinge, auch Schreibabys genannt, lassen sich kaum beruhigen. Ein Grund für das Schreien ist nicht erkennbar.

Drei-Monats-Koliken sind definiert als Schreiperioden, die länger als drei Stunden pro Tag, öfter als dreimal pro Woche und insgesamt länger als drei Wochen anhalten.

Häufigkeit

Die Drei-Monats-Kolik tritt bei jedem achten bis zehnten Säugling auf. Bei etwa zwei Dritteln dieser Schreibabys hören die Schreiattacken am Ende des dritten Lebensmonats auf. Nur in wenigen Fällen dauern sie auch noch im sechsten Lebensmonat an.

Drei-Monats-Kolik, Schreibaby: Ursachen

Die Ursachen für eine Drei-Monats-Kolik sind nicht eindeutig geklärt. Sowohl körperliche als auch psychische und nahrungsmittelbedingte Faktoren können dazu führen, dass eine Drei-Monats-Kolik auftritt. Schreibabys gibt es sowohl in Industrieländern als auch bei Naturvölkern. Säuglinge aus Haushalten, in denen geraucht wird, sind häufiger von Drei-Monats-Koliken betroffen als Säuglinge aus rauchfreier Umgebung.

Körperliche Ursachen

Die typischen lang anhaltenden Schreiattacken bei der Drei-Monats-Kolik fallen zeitlich mit den Reifungs- und Anpassungsprozessen zusammen, die ein Säugling in den ersten Lebensmonaten durchläuft. In dieser Zeit ist das Verdauungssystem noch nicht ausgereift, sodass besonders in den ersten drei Monaten die Verdauung dem Säugling zu schaffen macht: Es können vermehrt Blähungen und Bauchschmerzen auftreten.

Durch Parasitenbefall, insbesondere duch Würmer wie Askariden, kann sich der Darm entzünden, was zu krampfartigen Bauchschmerzen und somit zu Schreiattacken des Babys führt. Die Bedeutung einer chronischen Blinddarm-Entzündung ( Appendizitis) als Auslöser von Drei-Monats-Koliken ist umstritten. In sehr seltenen Fällen können krampfartige Bauchschmerzen durch eine Invagination des Dünndarms verursacht werden. Hierbei stülpt sich ein Darmabschnitt in den folgenden Darmabschnitt ein. Die Diagnose wird mithilfe einer Ultraschalluntersuchung gestellt. Häufig bewirkt bereits eine sanfte Massage, dass sich die Darmschlingen lösen, sodass eine Operation vermieden werden kann.

Auch andere schmerzhafte Erkrankungen können eine Drei-Monats-Kolik beim Säugling verursachen, zum Beispiel Infektionen der Ohren sowie der Atem- und Harnwege. Ferner können Gehirnschäden die exzessiven Schreiattacken eines Schreibabys auslösen.

Oft sind es keine Schmerzen, die zur Drei-Monats-Kolik führen. Vielmehr liegt häufig ein Schlafmangel vor, weil der Säugling zum Beispiel Schwierigkeiten beim Einschlafen hat, tagsüber kaum erholsamen Schlaf findet und dadurch mehr und mehr überreizt wird.

Psychische Ursachen

Spannungen (Beziehungsstörungen) zwischen Mutter und Kind können eine Drei-Monats-Kolik im Säuglingsalter auslösen. Die Schreiattacken sind in diesen Fällen auf Verhaltensschwierigkeiten der Mutter beziehungsweise der Eltern zurückzuführen. Dabei spielen Überforderungssituationen eine Rolle, aber auch die Ablehnung des Babys oder der Schwangerschaft, Unsicherheit im Umgang mit dem Säugling sowie soziale und emotionale Belastungen (wie psychische Erkrankungen der Eltern). Spannungen können auch durch Konkurrenzsituationen zwischen Geschwistern entstehen.

Nahrungsbedingte Ursachen

Vorübergehende Fütterstörungen im Säuglingsalter sind häufig und nicht gleich als Krankheit zu werten. Halten die Probleme allerdings länger als einen Monat an oder dauert die einzelne Fütterung über 45 Minuten bei kurzem Intervall zwischen den Mahlzeiten, sind dies wichtige Hinweise auf eine mögliche Erkrankung.

Manche Drei-Monats-Koliken können darauf zurückgeführt werden, dass der betroffene Säugling falsch ernährt wird oder keine Kuhmilch-Eiweiße verträgt. Diese Kuhmilch-Eiweiße sind nicht nur in Flaschennahrung vorhanden. Sie können in Spuren auch in der Muttermilch enthalten sein. Säuglinge, die gestillt werden, sind genauso häufig von Drei-Monats-Koliken betroffen wie so genannte Flaschenkinder. Auch ein Überangebot an Laktose (Milchzucker) in der Nahrung kann zu vermehrten Blähungen im Darm und somit zu einem Schreibaby führen.

Durch das Trinkverhalten der Babys kann ebenfalls zu viel Luft in den Darm gelangen und so eine Drei-Monats-Kolik ausgelöst werden. Trinkt das Baby besonders viel und hastig oder ist das Saugerloch des Fläschchens zu groß, so verschluckt es bei der Nahrungsaufnahme übermäßig viel Luft. Stößt das Kind dann nach den Mahlzeiten nicht rechtzeitig auf, gelangt die Luft weiter in den Darm und verursacht Schmerzen.

Eine Mangel- oder Fehlernährung des Säuglings kann banale Ursachen haben, zum Beispiel wenn nicht genügend Muttermilch produziert wird oder Probleme beim Stillen auftreten. Der Hunger des Säuglings äußert sich dann durch Schreiattacken.

Drei-Monats-Kolik, Schreibaby: Symptome

Kinder mit einer Drei-Monats-Kolik (Schreibabys) fallen durch plötzliches, heftiges Schreien auf, das stundenlang andauern kann und oftmals durch nichts zu unterbrechen ist. Eine Ursache für das Schreien ist meist nicht erkennbar. Während der Schreiattacke ziehen die Babys ihre Beine krampfhaft an und ballen meist ihre Hände zusammen. Der Bauch ist während der Schreiattacken gespannt und druckempfindlich. Es können Blähungen auftreten, die durch das übermäßige Schreien – nicht durch Verdauungsprobleme – entstehen. Die Schreibabys sind mitunter blass oder laufen im Gesicht rötlich an und schwitzen.

Typischerweise treten diese für die Drei-Monats-Kolik typischen Schreiattacken kurz nach den Mahlzeiten sowie am Nachmittag und in den frühen Abendstunden auf. Der Stuhl der Schreibabys ist selten auffällig. Die betroffenen Säuglinge zeigen in der Regel keine Wachstumsstörungen. Es können jedoch Schlaf- und Fütterstörungen auftreten.

Drei-Monats-Kolik, Schreibaby: Diagnose

Um den Ursachen der Drei-Monats-Kolik auf den Grund zu gehen, werden die Eltern (insbesondere die Mutter) eines Schreibabys ausführlich und sorgfältig zum Beschwerdebild des Säuglings befragt. Das Baby wird neurologisch untersucht. Eine wenig belastende und für das Kind ungefährliche Untersuchung kann mithilfe von Ultraschall erfolgen. Weitere wichtige Hinweise kann eine Untersuchung einer Stuhlprobe liefern. Eine Fütterstörung lässt sich anhand des Blutbilds und der körperlichen Untersuchung des Schreibabys diagnostizieren. Schlafstörungen können im Schlaflabor abgeklärt werden.

Sinnvoll sind mitunter Videoaufnahmen der Eltern-Kind-Wechselbeziehung, sofern die Eltern damit einverstanden sind. Auch Beurteilungsbögen zur Eltern-Kind-Beziehung sind hilfreich, um die Krankheit und ihre eventuellen Ursachen festzustellen.

Drei-Monats-Kolik, Schreibaby: Therapie

Die Therapie von Kindern mit Drei-Monats-Kolik (Schreibabys) richtet sich soweit wie möglich nach den Ursachen. Als erste Maßnahme können Eltern, wenn Schreiattacken durch Drei-Monats-Koliken auftreten, das Baby ruhig hin- und herwiegen, ihm etwas vorsingen oder ihm beruhigende Musik vorspielen. Der Bauch kann sanft im Uhrzeigersinn um den Nabel herum massiert werden. Zum Herumtragen des Schreibabys wird es am besten mit dem Bauch auf den Unterarm der tragenden Person gelegt und mit der anderen Hand sicher abgestützt. Wichtig ist, dass die das Schreibaby betreuende Person gelassen und ausgeglichen bleibt – auch wenn dies schwer fällt. Klingen die Symptome der Drei-Monats-Kolik nicht ab oder kommen weitere Symptome hinzu, sollte ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden.

Sind familiäre Spannungen oder Konfliktsituationen für die Drei-Monats-Kolik verantwortlich, sollten diese offen zur Sprache kommen (zum Beispiel in der so genannten Eltern-Säuglings-Psychotherapie). Eine teilstationäre Behandlung des Schreibabys wird erst erforderlich, wenn sich die Psychotherapie als erfolglos erweist, die Mutter am Tag entlastet werden möchte oder schwere psychosoziale Umstände vorliegen.

Bei nahrungsmittelbedingten Drei-Monats-Koliken ist es ratsam, die Ernährung des Schreibabys auf eine so genannte hypoallergene, also wenig Allergie auslösende Nahrung oder – bei nicht ausreichender Muttermilch – auf Flaschennahrung umzustellen. Eine Ernährungsberatung ist hier sinnvoll.

Liegen der Drei-Monats-Kolik eindeutige körperliche Erkrankungen zugrunde, werden diese gezielt behandelt: Bei Infektionen helfen Antibiotika, bei Wurmerkrankungen werden die Parasiten mithilfe einer Wurmkur beseitigt, bei einer Invagination des Darms reicht es häufig aus, den Bauch sanft zu massieren, ansonsten ist eine Operation nötig.

In speziellen Schreiambulanzen können sich Eltern von Schreibabys über Beruhigungsmaßen und richtige Fütterungstechniken informieren. Außerdem erfahren sie dort, wie sie sich selbst entlasten können.

Drei-Monats-Kolik, Schreibaby: Verlauf

Nach drei bis sechs Monaten nehmen bei den meisten Schreibabys die Beschwerden der Drei-Monats-Kolik ab; die typischen Schreiattacken treten dann nicht mehr auf.

Problematisch sind bei Drei-Monats-Koliken die Komplikationen, die sich aus der körperlichen und seelischen Belastung der Eltern durch das lang anhaltende Schreien und den damit verbundenen Schlafmangel ergeben können: Manchmal schütteln verzweifelte Eltern ihr schreiendes Baby. Doch schon kurzes Schütteln kann zu schweren gesundheitlichen Schäden und sogar zum Tod führen. Auch andere Formen der Kindsmisshandlung oder psychische Probleme des Kinds können infolge von Drei-Monats-Koliken auftreten.

Drei-Monats-Kolik, Schreibaby: Vorbeugen

Eine Vorbeugung der Drei-Monats-Koliken orientiert sich an den Ursachen. In jedem Fall ist eine ausgeglichene Mutter-Kind-Beziehung wichtig. Dabei ist ein ruhiger, geregelter Tagesablauf von entscheidender Bedeutung. Das Kind sollte auch tagsüber ausreichend und regelmäßig Schlaf bekommen. Seine Bedürfnisse sollten frühzeitig erkannt werden; es sollte nicht übermüdet oder überreizt werden.

Außerdem sollte eine vollständig rauchfreie Umgebung des Säuglings sichergestellt werden.

Weitere Informationen

Linktipps:

Gesellschaft für seeelische Gesundheit in der frühen Kindheit

Familienhandbuch
Online-Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik mit Informationen für Mütter und Väter zu allen Fragen rund um Kindererziehung und Familienleben.

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Down-Syndrom (Trisomie 21)

Das Down-Syndrom ist mit einer auf 700 Geburten die häufigste angeborene Chromosomenstörung. Bei Menschen mit dem Down-Syndrom ist das Chromosom 21 oder ein Teil davon dreifach, statt üblicherweise zweifach, in jeder Zelle vorhanden (Trisomie 21). Meist liegt eine Verdreifachung des ganzen Chromosoms 21 vor (freie Trisomie 21).

Selten ist eine Translokations-Trisomie 21, bei der das Chromosom 21 überzählig und an ein anderes Chromosom angelagert ist. Bei der Translokations-Trisomie 21 kann ein Elternteil Träger der Erbanlage sein, sodass folglich innerhalb der Familie Kinder mit dem Down-Syndrom geboren werden können. Die freie Trisomie 21 tritt zufällig und mit zunehmender Wahrscheinlichkeit auf, je älter die werdende Mutter ist.

Das Down-Syndrom kann unterschiedlich in Erscheinung treten. Charakteristisch sind körperliche Auffälligkeiten und eine sehr variable Intelligenzminderung. Zusätzlich zeigen sich gehäuft Fehlbildungen innerer Organe, wie z.B. Herzfehler, Seh- und Hörstörungen oder eine Leukämie. Die Prognose des Down-Syndroms hat sich einerseits durch die mögliche Behandlung der Folgeerkrankungen, andererseits aber auch durch intensive Förderungsmöglichkeiten der Betroffenen und ein umfassenderes Krankheitsverständnis in der Bevölkerung verbessert.

Es ist wichtig zu bemerken, dass Menschen mit Trisomie 21 neben den durch die Chromosomenstörung verursachten Merkmalen wie jeder andere Mensch solche der eigenen Persönlichkeit zeigen. Sie sind in ihrem Aussehen, ihren Fähigkeiten und ihren Charakterzügen verschieden und dementsprechend einzigartig.

In der Schwangerschaft besteht die Möglichkeit, das Down-Syndrom beim Fötus durch eine Chromosomenanalyse nach Chorionzottenbiopsie, Amniozentese oder Fetalblutentnahme zu diagnostizieren. Diese Verfahren ermöglichen es, Chromosomenmaterial des Ungeborenen zu gewinnen. Die Analyse wird in Deutschland allen Frauen ab 35 Jahren angeboten. Die Genauigkeit eines derartigen vorgeburtlichen Tests liegt höher als 99,9 Prozent, der Nachweis kann damit als nahezu sicher angesehen werden.

Down-Syndrom: Definition

Beim Down-Syndrom (Trisomie 21) handelt es sich um eine angeborene Chromosomenstörung. Die älteste überlieferte Darstellung eines Menschen mit Trisomie 21 stammt aus dem Jahr 1505 in Form einer Zeichnung auf einem Altarflügel in Aachen. Als eigenständiges, von anderen geistigen Behinderungen abgrenzbares Syndrom, wurde das Down-Syndrom erstmals 1886 von dem englischen Arzt John Langdon Down (1828-1896) beschrieben. Dr. Langdon Down schrieb: „Das Haar ist nicht so schwarz wie bei echten Mongolen, sondern eher bräunlich, glatt und schütter. Das Gesicht ist flach und breit, die Augenstehen schräg, die Nase klein …“ Wegen des etwas asiatischen Aussehens prägte er den Begriff „Mongolismus“ und nannte das Syndrom „mongoloide Idiotie“. Langdon Down, dem Stand der Wissenschaft seiner Zeit entsprechend beeinflusst durch Darwins Evolutionstheorie, meinte, dass das Syndrom die Rückverwandlung in einen primitiven Rassentyp darstellte. Der Begriff „Mongoloidismus“ sollte wegen der Falschheit dieser Annahme und der unhaltbaren Verbindung zum mongolischen Völkerstamm vermieden werden.

Im Jahr 1959 erkannte der Franzose Jérome Lejeune, dass bei Kindern mit Down-Syndrom in jeder Zelle 47 Chromosomen statt üblicherweise 46 vorhanden sind. Das Chromosom 21 konnte dreimal statt normalerweise zweimal nachgewiesen werden.

Das Down-Syndrom fällt somit in die Kategorie der Chromosomenstörungen und ist mit einer auf 700 Geburten die häufigste. Insgesamt leben in der Bundesrepublik Deutschland rund 30.000 bis 50.000 Menschen mit dem Down-Syndrom, in den USA sind es rund 100.000 bis 150.000 Menschen.

In über 90 Prozent der Fälle liegt eine freie Trisomie vor, bei der eine Korrelation der Häufigkeit mit dem Alter der Mutter bei der Geburt des Kinds existiert. Eine Korrelation mit dem Alter des Vaters ist umstritten.

Alter Wahrscheinlichkeit der Geburt eines Kinds mit Trisomie 21 (Hecht/Hook (1994) gerundet)
<30 <1:1000
30-34 1-2:1000
35-39 2-10:1000
40-44 10-20:1000
>44 20-40:1000

In etwa fünf Prozent besteht eine Translokations-Trisomie. Sie kann wiederholt in einer Familie auftreten, weil gesunde Personen möglicherweise Träger der Erbanlage sind. Es ist jedoch auch ein spontanes Auftreten (zwei Prozent der Fälle) möglich. In etwa zwei Prozent setzt sich der Körper aus zwei Zelltypen (Mosaik-Trisomie 21) zusammen. Ein Teil der Zellen hat in diesem Fall die normale Chromosomenzahl 46, der andere Teil hat 47 Chromosomen, eine freie Trisomie 21.

Für die Eltern eines Kinds mit freier Trisomie 21 liegt die Wahrscheinlichkeit, erneut ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen, gering über der Wahrscheinlichkeit für die entsprechende Altersgruppe der Mutter. Die geringe Erhöhung ergibt sich durch die nicht auszuschließende Möglichkeit eines Mosaiks in den elterlichen Keimzellen.

Ähnliches gilt bei einer Translokations-Trisomie 21, wenn der Chromosomenbefund der Eltern normal ist. Allerdings gibt es hier keine Altersabhängigkeit. Wird bei einem Elternteil eine Translokation unter Beteiligung des Chromosoms 21 nachgewiesen, liegt die Wahrscheinlichkeit für weitere Kinder, die Translokation vererbt zu bekommen, theoretisch bei 25 Prozent. Empirische Werte liegen bei zehn Prozent, wenn die Mutter, und bei drei Prozent, wenn der Vater Träger der Tanslokation ist. Allerdings beträgt die Wahrscheinlichkeit 100 Prozent, wenn bei der Translokation eines Elternteils die beiden Chromosomen 21 miteinander verbunden sind.

Down-Syndrom: Ursachen

Die Ursache des Down-Syndroms ist eine Chromosomenstörung, bei der zusätzliches Chromosomenmaterial des Chromosoms 21 vorhanden ist.

Freie Trisomie 21

In über 90 Prozent der Fälle haben die Menschen mit Down-Syndrom insgesamt 47 statt 46 Chromosomen. Das Chromosom 21 ist dreimal, statt üblicherweise zweimal, in jeder Zelle nachzuweisen (freie Trisomie 21). Diese Chromosomenstörung entsteht, wenn eine der Keimzellen (in 95 Prozent der Fälle die Eizelle und in fünf Prozent die Samenzelle) ein zusätzliches Chromosom 21 enthalten. Dazu kann es kommen, wenn bei der Bildung der Eizellen oder Samenzellen das Chromosomenpaar 21 nicht, wie normalerweise und wie die anderen Chromosomenpaare, getrennt wird. Ein solches Ergebnis tritt bis auf wenige Ausnahmen zufällig auf. Allerdings gibt es eine deutliche Korrelation zwischen der Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer freien Trisomie 21 und dem Alter der Mutter. Während unter 30-jährige Frauen mit einer Häufigkeit von weniger als ein von 1.000 Kinder mit einer freien Trisomie 21 gebären, haben bei über 40-jährigen Frauen 20 bis 40 auf 1.000 Kinder ein Down-Syndrom.

Translokations-Trisomie 21

Im Fall einer Translokations-Trisomie liegt außer den zwei freien Chromosomen 21 noch ein drittes in Form der so genannten zentrischen Fusion (Anheftung) mit einem anderen Chromosom vor. Die Gesamtzahl der Chromosomen bleibt somit bei 46. Häufig sind folgende Chromosomen von der Anheftung betroffen: 13, 14 und 15. Bei dieser besonderen Variante der Trisomie 21 kann ein Elternteil „Träger“ der Erbanlage sein. Ist die Mutter betroffen, liegt das Wiederholungsrisiko bei zehn bis fünfzehn Prozent, ist der Vater Träger, bei drei bis fünf Prozent.

Mosaik-Trisomie 21

Bei der Mosaik-Trisomie 21 findet das Nichtauseinanderweichen der Chromosomenpaare erst während der ersten Zellteilungen nach der Befruchtung statt. Der Träger einer Mosaik-Trisomie 21 weist sowohl Körperzellen mit der normalen Chromosomenzahl von 46 als auch Zellen mit 47 Chromosomen auf. Das erklärt, warum die Symptomatik bei einer Mosaik-Trisomie 21 milder ausgeprägt ist.

Down-Syndrom: Symptome

Das klinische Erscheinungsbild von Menschen mit einem Down-Syndrom (Trisomie 21) kann sehr unterschiedlich sein. Bei der Mosaik-Trisomie können die Symptome vor allem bei geringer Zellbeteiligung schwächer ausgebildet sein.

Menschen mit Down-Syndrom haben häufig typische körperliche Merkmale:

  • ein flaches Gesicht
  • schräge Lidachsen
  • eine Hautfalte am inneren Augenwinkel
  • kleine Ohren
  • breite Hände mit kurzen Fingern
  • eine durchgehende Handfurche.

Typisch ist ebenso eine Muskelschwäche (Hypotonie), die besonders bei den Babys auffällt. Betroffene wachsen langsamer und erreichen eine Körpergröße, die unterhalb des Durchschnitts liegt. Ihr Körpergewicht ist in den ersten Jahren meist unterdurchschnittlich, nach der Pubertät ist eine Neigung zu starker Gewichtszunahme typisch.

In 40 bis 60 Prozent der Fällen treten verschiedenartige Herzfehler auf. Anomalien des Verdauungstrakts fallen etwa in zehn Prozent auf. Rund drei Prozent der Betroffenen leiden an Fehlfunktionen der Schilddrüse. Durch Abweichungen im Immunsystem haben Menschen mit Down-Syndrom öfter Infekte der oberen Luftwege und Mittelohrentzündungen. Viele Kinder leiden unter Sehstörungen. Schwerhörigkeit kann die Folge der wiederholten Mittelohrentzündungen sein. Leukämien sind häufiger als bei Menschen ohne Down-Syndrom, das Risiko ist auf das Zehn- bis Zwanzigfache erhöht.

Menschen mit Down-Syndrom entwickeln sich insgesamt verzögert. Das wird deutlich bei der Sprachentwicklung, aber auch bei der motorischen Entwicklung. Die intellektuellen Fähigkeiten sind vermindert, wobei der Grad sehr variabel ist. Meist können Kinder mit Down-Syndrom alltägliche Fähigkeiten und auch Lesen und Schreiben durch spezielle Förderung erlernen und so ein bisschen selbstständiger werden. Nur ein geringer Teil der Menschen mit Down-Syndrom ist schwergradig geistig behindert (weniger als zehn Prozent).

Einige der beschriebenen Merkmale können bei Menschen mit Down-Syndrom gänzlich fehlen oder abgeschwächt sein. Die Trisomie 21 folgt keinem gänzlich starren Schema, die Betroffenen sind trotz körperlich und geistig typischer Auffälligkeiten individuell sehr verschieden. Manche Symptome treten außerdem auch vereinzelt bei Menschen ohne Down-Syndrom auf. Erst die Vielzahl der Auffälligkeiten lässt die Diagnose der Trisomie 21 vermuten.

Down-Syndrom: Diagnose

Die Diagnose Down-Syndrom (Trisomie 21) kann meist durch eine ärztliche Untersuchung der betreffenden Person gestellt werden. Im Neugeborenenalter ist die Feststellung mitunter schwierig. Durch eine Chromosomenanalyse aus Lymphozyten des Bluts kann nicht nur die Diagnose gesichert, sondern auch die Art der Trisomie 21 (freie Trisomie, Translokations-Trisomie, Mosaik-Trisomie) ermittelt werden. Während der Schwangerschaft besteht die Möglichkeit, die Trisomie 21 beim Fötus durch die Chromosomenanalyse mithilfe so genannter invasiver Diagnostik wie der Chorionzottenbiopsie, Fetalblutentnahme oder Amniozentese zu diagnostizieren. Eine vorgeburtliche Chromosomenanalyse steht in Deutschland allen Frauen ab 35 Jahren als Routineuntersuchung offen. Die Genauigkeit eines derartigen vorgeburtlichen Tests (Pränataldiagnostik liegt höher als 99,9 Prozent, der Nachweis kann damit als nahezu sicher angesehen werden.

Eine völlig unbedenkliche und einfach durchzuführende Erstdiagnose besteht in der so genannten Nackentransparenzmessung. Mithilfe von speziellen Ultraschallgeräten mit besonders hoher Auflösung kann bei Embryos bis zu einer Scheitel-Steiß-Länge von 8,5 cm (zehnte bis zwölfte Woche) eine Untersuchung der Nackendichte des Ungeborenen durchgeführt werden. Die Messung erfolgt in der normalen ersten Routine-Ultraschalluntersuchung um die zehnte Schwangerschaftswoche herum. Die Methode ist relativ neu und beruht auf der Erkenntnis, dass Embryos mit einer Trisomie (Trisomie 21, Trisomie 13 u. Trisomie 18) in den meisten Fällen einen dickeren Nacken haben als normale Embryos. Die statistische Wahrscheinlichkeit einer Trisomie errechnet sich unter anderem aus dem größten ermittelten Wert der Nackentransparenz in der Referenzebene, der Scheitel-Steiß-Länge und dem Alter der Schwangeren. Das Verfahren der Ermittlung des Wahrscheinlichkeitswerts ist sehr kompliziert, z.B. gehen auch vorausgegangene Schwangerschaften mit Trisomien in die Berechnung ein und erhöhen das Risiko. Biochemische Werte (z.B. der PAPP-A u. freies ß-HCG) können ebenfalls in die Diagnose einbezogen werden. Im Anschluss an eine Untersuchung muss bei einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer Trisomie dieser Befund mit invasiver Diagnostik bestätigt werden, weil es auch Embryos mit erhöhter Nackendichte ohne Trisomie 21 gibt.

Im Sinne einer Entscheidungshilfe für oder gegen die vorgeburtliche Chromosomenuntersuchung kann die Schwangere einen einfachen Bluttest (Triple-Test) zwischen der 15. und 20. Schwangerschaftswoche durchführen lassen. Hierbei werden einige Blutwerte der werdenden Mutter bestimmt und somit ein individuelles Risiko für ein Kind mit einem Down-Syndrom präzisiert.

Down-Syndrom: Therapie

Das Down-Syndrom (Trisomie 21) selbst ist nicht therapierbar. Behandelbar sind jedoch die Begleiterscheinungen wie Herzfehler, Seh- und Hörschäden oder andere Fehlbildungen. Auch sind Maßnahmen zur speziellen Unterstützung für die Entfaltung der Kinder wichtig. Dazu zählen frühzeitliche Förderungsprogramme, damit individuelle Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden können.

Um die Entwicklung sowohl der psychischen als auch der motorischen Fähigkeiten zu unterstützen, kommen verschiedene Therapiearten wie Ergo-, Physiotherapie und Logopädie (Sprachtherapie) zum Einsatz. Die liebevolle und unterstützende Akzeptanz in der Familie und die Nutzung von speziellen Einrichtungen zur Integration in ein soziales und berufliches Umfeld sind entscheidende Faktoren in der Entwicklung der Betroffenen. Hierbei nehmen auch Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, sowohl zur Unterstützung der Angehörigen, als auch der Menschen mit Trisomie 21 in vielen Fällen einen wichtigen Stellenwert ein.

Down-Syndrom: Verlauf

Sowohl die Lebenserwartung als auch die Lebensqualität von Menschen mit Down-Syndrom (Trisomie 21) hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verbessert. Früher starben 75 Prozent der Betroffenen vor der Pubertät und 90 Prozent vor dem Erreichen des 25. Lebensjahrs. Durch frühzeitige Behandlung der begleitenden Fehlbildungen und Erkrankungen wie Herzfehler, Fehlbildungen des Verdauungstrakts oder Infektionen, hat sich die mittlere Lebenserwartung deutlich nach oben verschoben. Heute können Menschen mit Down-Syndrom ein Lebensalter von 50 Jahren und höher erreichen.

Die Prognose der Mosaik-Trisomie 21 korreliert mit der Höhe des Anteils an Zellen mit einem normalen Chromosomenbefund, ist aber generell günstiger. Individuelle Förderung auf der geistigen sowie der motorischen Ebene spielt eine wesentliche Rolle und ermöglicht in vielen Fällen ein weitgehend selbstständiges Leben.

Down-Syndrom: Vorbeugen

Es ist nicht möglich, generell einem Down-Syndrom vorzubeugen. Die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit Trisomie 21 zu bekommen, ist größer, je älter die Mutter bei der Geburt des Kinds ist. Werdende Eltern, die frühzeitig von der Diagnose ihres Kinds erfahren möchten, können eine vorgeburtliche Diagnostik in Anspruch nehmen. Durch Inanspruchnahme der Pränataldiagnostik und die Option der Abtreibung des Feten, kann allenfalls die Geburt des geschädigten Kinds verhindert werden.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu „Down-Syndrom (Trisomie 21)”:

Linktipps:

Deutsche Gesellschaft für Humangenetik e.V.
Inselkammerstr. 4
82008 München
Telefon: +49 (0)89 – 61 45 69 59
Fax: +49 (0)89 – 55 02 78 56
organisation@gfhev.de
http://www.gfhev.de/

Arbeitskreis Down-Syndrom e.V.
Gadderbaumer Str. 28
33602 Bielefeld
Telefon: +49 (0)521 – 442998
Fax: +49 (0)521 – 942904
ak@down-syndrom.org
http://www.down-syndrom.org

Down-Kind e.V. c/o Nadja Rackwitz-Ziegler
Friedenheimerstr. 70
80686 München
Telefon: +49 (0)89 – 589 9770 1
Fax: +49 (0)89 – 589 9770 1
info@down-kind.de
http://www.down-kind.de

Ohrenkuss, Dr. Katja de Bragança, Dr. Bärbel Peschka
Buschstr. 22
53113 Bonn
Telefon: +49 (0)228 – 386 2354
Fax: +49 (0)228 – 386 2587
info@ohrenkuss.de
http://www.ohrenkuss.de

edsa deutschland e.V.
Olpener Str. 179
51103 Köln
Telefon: +49 (0)221 – 337 2819 oder 890 2119
Fax: +49 (0)221 – 992 4028
info@edsa-deutschland.de
http://www.edsa-deutschland.de

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Granuloma inguinale (Donovanosis)

Granuloma inguinale, Donovanosis oder Granuloma venerum ist eine infektiöse Geschlechtskrankheit, die durch Geschwüre und Kraterbildung an den Genitalien gekennzeichnet ist.

Das Granuloma inguinale tritt vor allem in tropischen und subtropischen Ländern auf. Da die Erkrankung leicht verkannt wird, verläuft sie häufig chronisch.

Auslöser der Erkrankung ist das Bakterium Klebsiella granulomatis, welches über sexuelle Kontakte übertragen wird. An seiner Eintrittsstelle in der Genitalregion bildet sich ein schmerzhaftes Knötchen, das sich bald in ein Geschwür umwandelt. Dieses wächst langsam weiter und kann im Endstadium zu Verstümmelungen führen. Auch Abszessbildungen sind typisch. Die Zerstörung des Gewebes in Zusammenhang mit weiteren Infektionen kann unbehandelt tödlich sein.

Die Diagnose der Donovanosis erfolgt über den direkten Erregernachweis aus Abstrichen oder Biopsien der Wunde. Die Behandlung der Granuloma inguinale erfolgt mit Antibiotika. Bei frühzeitigem Therapiebeginn heilt die Erkrankung narbenlos ab.

Donavanosis: Definition

Bei Granuloma inguinale, auch Donovanosis oder Granuloma venerum genannt, handelt es sich um eine infektiöse Geschlechtskrankheit. Da die Erkrankung leicht verkannt wird, verläuft sie häufig chronisch.

Erstmals wurde die Erkrankung 1905 durch den Tropenarzt Charles Donovan beschrieben.

Die Erkrankung kommt in den tropischen und subtropischen Klimazonen vor, vor allem in Südindien, Papua-Neuguinea, Zentral- und Südafrika, der Karibik und Südamerika. Am häufigsten sind 20- bis 40-Jährige von der Krankheit betroffen. Bei Männern tritt die Donovanosis etwa doppelt so häufig auf wie bei Frauen. Für Deutschland liegen keine Erkrankungszahlen vor.

Donavanosis: Ursachen

Erreger des Granuloma inguinale (Donovanosis) ist Klebsiella granulomatis (früher: Calymmatobakterium granulomatis). Bei diesem handelt es sich um ein gramnegatives, bekapseltes, unbewegliches Bakterium, das keine Sporen bildet.

Es wird durch direkten, engen Hautkontakt, vor allem beim Geschlechtsverkehr, übertragen und verursacht somit typische Beschwerden im Genitalbereich. Etwa drei Prozent der Infektionen treten außerhalb der Genitalregion auf, vor allem im Bereich um den After. Die Inkubationszeit, das heißt die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit, beträgt wenige Tage bis zu zwölf Wochen.

Donavanosis: Symptome

Erstes Symptom des Granuloma inguinale (Donovanosis) ist ein kleines, derbes, blassrotes, juckendes, schmerzhaftes Knötchen an der Eintrittspforte des Erregers. Dieses wandelt sich rasch zu einem oberflächlichen, wie ausgestanzt wirkendem, fleischfarbenem Geschwür um. Dieses Geschwür hat die Tendenz, sich zu vergrößern und durch Selbstinfektion Tochtergeschwüre zu bilden.

Bei Männern findet sich die Läsion meist am Penis, bei Frauen an der Innenseite der Schamlippen, oft verbunden mit einer massiven Schwellung. Es gibt aber auch Erstinfektionen im Gesicht, an Hals und Nacken sowie im Mund und Darm. Obgleich es bei fortgeschrittener Erkrankung zu Schwellungen in der Leistengegend kommt, sind die regionalen Lymphknoten weder angeschwollen noch schmerzhaft, sofern keine zusätzliche Infektion durch einen anderen Erreger vorliegt. Die Schwellung wird vielmehr durch eine Eiteransammlung (Abszess) oder durch die Bildung von Granulationsgewebe verursacht. Der Abszess kann seinerseits geschwürig zerfallen.

Eine Streuung über das Blut in Knochen, Gelenke, Leber und Milz ist möglich. Eine Übertragung der Erkrankung bei der Geburt ist nicht bekannt.

Donavanosis: Diagnose

Die Diagnose von Granuloma inguinale (Donovanosis) erfolgt über den direkten Erregernachweis und einem Abstrich oder einer Gewebeprobe (Biopsie) der Wunde. Die so genannten Donovan-Körper sind mikroskopisch als runde Bakterien in Giemsa-gefärbten Zellen zu erkennen.

Ist die direkte mikroskopische Untersuchung nicht eindeutig, können Zellkulturen anlegt und untersucht werden.

Wichtig ist es, Granuloma inguinale von Krankheiten mit ähnlichen Symptomen wie der frühen Syphilis, Lymphogranuloma venerum, harten und weichen Schanker sowie Geschwürbildungen bei einer Infektion mit Herpes simplex-Virus Typ 2 abzugrenzen. Bei einem fortgeschrittenen geschwürigem Zerfall kann die Erkrankung mit Krebs verwechselt werden.

Donavanosis: Therapie

Das Granuloma inguinale (Donovanosis) kann erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden. Meist wird eine zwei- bis dreiwöchige Therapie mit Cotrimoxazol oder alternativ mit Tetracyclin, Chloramphenicol, Doxycyclin oder Erythromycin durchgeführt. Bei erfolgreicher Therapie beginnen die Hautveränderungen nach etwa einer Woche zu heilen. Wegen eventueller Rückfälle sind weitere Nachuntersuchungen notwendig.

Donavanosis: Verlauf

Kleine Läsionen heilen nach der Behandlung des Granuloma inguinale (Donovanosis) völlig aus. Lange bestehende und ausgedehnte Erkrankungen können zu einer Depigmentierung der Haut, zu Narbenbildungen, Verengungen der Harnröhre, der Scheide, des Analkanals bis hin zu Verstümmelungen und bleibenden Ödemen führen.

Ein Infektionsschutz durch vorhandene Antikörper nach einmal durchgemachter Erkrankung besteht nicht.

Nach einer Donovanosis besteht ein erhöhtes Risiko, an Krebs der Geschlechtsorgane zu erkranken.

Donavanosis: Vorbeugen

Da das Granuloma inguinale (Donovanosis) über den Geschlechtsverkehr übertragen wird, sollte unbedingt auf „safer sex“ mit Kondomen, insbesondere in Hochrisikogebieten wie dem Südindien, Südafrika und in Papua-Neuguinea, geachtet werden.

Verstauchung (Distorsion)

Eine Verstauchung (Distorsion) gehört zu den typischen und häufigen Sportverletzungen. Sie entsteht, wenn Kapseln und Bänder eines Gelenks aufgrund einer Überbewegung verletzt werden.

Liegen keine Begleitverletzungen des Knochens vor, wird eine Verstauchung in der Regel konservativ, also ohne Operation, behandelt. Bei jungen und aktiven Leistungssportlern sowie bei einem instabilen Gelenk kommt eventuell eine operative Behandlung infrage.

Das von der Verstauchung betroffene Gelenk kann zwar noch belastet werden, schmerzt jedoch und ist in seiner Funktionsfähigkeit meist stark eingeschränkt. Das Gelenk schwillt außerdem auffallend an, und es bildet sich ein Bluterguss (Hämatom).

Die meisten Verstauchungen sind unkompliziert, sodass meist von einer guten Prognose ausgegangen werden kann. Nach spätestens drei Monaten ist in der Regel die vollständige Sporttauglichkeit wiederhergestellt.

Distorsion: Definition

Eine Verstauchung (Distorsion) ist eine Gelenkverletzung, die entsteht, wenn der normale Bewegungsspielraum des Gelenks durch Umknicken oder Verdrehen überschritten wird. Die das Gelenk umgebenden Muskeln, Bänder und Sehnen werden dabei gezerrt beziehungsweise überdehnt. Auch kleine Gewebseinrisse können auftreten. Das Gelenk bleibt jedoch weiterhin stabil.

Verstauchungen treten vor allem bei sportlichen Aktivitäten auf und zählen in diesem Rahmen mit zu den häufigsten Verletzungen. In den meisten Fällen sind die Knie- und Sprunggelenke betroffen.

Distorsion: Ursachen

Zu einer Verstauchung (Distorsion) kommt es, wenn auf ein Gelenk gewaltsam eingewirkt und so eine Bewegung erzwungen wird, die den physiologischen Bewegungsspielraum des Gelenks überschreitet. Der Kapsel- und Bandapparat des Gelenks wird dabei geschädigt. In welchem Ausmaß das betroffene Gelenk geschädigt ist, hängt ganz entscheidend davon ab, wie stark die einwirkende Gewalt ist. So werden bei leichteren Verstauchungen die Faserstrukturen der Gewebe lediglich überdehnt, während bei stärkeren Gewalteinwirkungen die Gelenkkapsel oder die Bänder einreißen können.

Am häufigsten entstehen Verstauchungen bei Sportunfällen, durch Umknicken mit dem Fuß oder durch Stürze. Ursache können bei häufigen Verletzungen auch ausgeleierte Bänder sein.

Distorsion: Symptome

Bei einer Verstauchung (Distorsion) entstehen sofort Schmerzen. Das betroffene Gelenk kann zwar noch belastet werden, seine Funktionsfähigkeit ist aber meist stark eingeschränkt. Das Gelenk schwillt außerdem auffallend an, und es bildet sich ein Bluterguss (Hämatom). In schweren Fällen, bei denen zusätzlich die knöchernen Gelenkanteile verletzt sind (Bruch), kann das Gelenk aufgrund der Schmerzen überhaupt nicht mehr belastet werden.

Distorsion: Diagnose

Eine Verstauchung (Distorsion) kann meistens anhand der typischen Symptome diagnostiziert werden: Das betroffene Gelenk schmerzt (vor allem, wenn die entsprechende Bewegung ausgeführt wird), es ist stark angeschwollen und blau verfärbt. Die genaue Beschreibung des Unfallhergangs ist bei der Diagnose ebenfalls hilfreich. Da es in einzelnen Fällen schwierig ist, durch eine körperliche Untersuchung eine ernsthafte von einer leichten Verletzung zu unterscheiden, werden zusätzlich Röntgenaufnahmen gemacht und gegebenenfalls eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) durchgeführt. Durch diese Untersuchungen können Begleitverletzungen des Knochens ausgeschlossen werden.

Distorsion: Therapie

Wenn die knöchernen Gelenkanteile des betroffenen Gelenks nicht verletzt sind, wird eine Verstauchung (Distorsion) in der Regel konservativ, also ohne Operation, behandelt.

Erstversorgung

Bei einer Verstauchung sollte sofort gehandelt werden. Hierbei kann nach der so genannten PECH-Regel vorgegangen werden:

  • P wie Pause: Um weitere Schäden zu vermeiden, sollte bei einer Verstauchung die sportliche Betätigung sofort eingestellt und die betroffene Extremität ruhig gestellt werden.
  • E wie Eis: Um zu verhindern, dass das betroffene Gelenk durch einen Bluterguss (Hämatom) anschwillt, muss es sofort nach dem Unfall mit Eisbeuteln, Umschlägen, Kältekompressen oder Kältespray gekühlt werden. Diese Kühlung sorgt dafür, dass die verletzte Stelle weniger durchblutet wird. Außerdem reduziert sie das Ausmaß einer Schwellung deutlich und lindert dadurch den Schmerz.
  • C wie Compression: Eine weitere sehr effektive Maßnahme – zusätzlich zur Kühlung – besteht darin, mit einem elastischen, breitflächigen Kompressionsverband einen dosierten Druck auf die betroffene Region auszuüben. Dies verhindert, dass Blut in das Gewebe fließt und eine weitere Schwellung entsteht. Zudem wird das betroffene Gelenk durch den unterstützenden Verband stabilisiert und geschont.
  • H wie Hochlagerung: Eine weitere Schwellung und Einblutung in das Gewebe kann auch dadurch unterbunden werden, dass die von der Verstauchung betroffene Extremität hoch gelagert wird. Da auch unser Kreislaufsystem den Gesetzen der Schwerkraft folgt, fließt durch eine möglichst hoch gelagerte Extremität weniger Blut in die Weichteile um die verletzte Region – dafür strömt umso mehr Blut zurück. Um das Bein oder den Arm hoch zu lagern, lassen sich alle möglichen Gegenstände verwenden. Wenn nichts Geeignetes zu finden ist, muss einer der Anwesenden die von der Verstauchung betroffene Extremität nach oben halten. Allerdings sollte diese dabei möglichst wenig bewegt werden.

Konservative und operative Behandlung

Wird die Verstauchung (Distorsion) konservativ behandelt, wird das betroffene Gelenk zunächst gekühlt, für ein bis zwei Wochen stabilisiert (und somit geschont) und hoch gelagert. In der Regel reicht ein Verband mit elastischen Binden oder ein Tape-Verband aus. Abschwellende und kühlende Sportsalben können den Heilungsverlauf beschleunigen.

Nur wenn die Verletzung über eine einfache Verstauchung hinausgeht und das Gelenk instabil ist, muss der Kapsel-Band-Apparat häufig operativ wiederhergestellt werden. Vor allem bei jüngeren und aktiven Leistungssportlern kommt diese Methode oft infrage. In jedem Fall muss bei einer Instabilität das Gelenk für vier bis sechs Wochen ruhig gestellt werden.

Rehabilitation

Nach der Schonzeit kann das von der Verstauchung betroffene Gelenk allmählich wieder belastet werden. Dabei sollte die Belastung zunächst gering sein und dann abhängig von eventuellen Schmerzen gesteigert werden. In den ersten vier bis sechs Monaten sollte vor allem beim Sport ein geeigneter Gelenkschutz – beispielsweise ein Tape-Verband – getragen werden. Wenn die Verstauchung abgeheilt ist, sollte die Muskulatur unbedingt vor der ersten sportlichen Betätigung wieder so weit aufgebaut werden, dass sie eine ausreichende Stabilität des Gelenks gewährleistet.

Distorsion: Verlauf

Eine einfache Verstauchung (Distorsion) heilt in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen aus. Je nachdem, welches Gelenk von der Verstauchung betroffen ist, können jedoch noch längere Zeit Beschwerden bestehen. Sind zusätzlich zur Verstauchung Kapselbänder gerissen, können diese bei einer konservativen Therapie narbig zusammenwachsen. Meist wird das Gelenk durch dieses Narbengewebe ausreichend stabilisiert. Ist das verheilte Band aber zu schlaff (Bandinsuffizienz), muss häufig operiert werden.

Verläuft die Verstauchung komplikationslos, ist die Sporttauglichkeit meist spätestens nach drei Monaten wieder vollständig gegeben.

Distorsion: Vorbeugen

Ein guter Trainingszustand und ein sorgfältiges Aufwärmprogramm vor sportlichen Betätigungen minimieren das Risiko einer Verstauchung (Distorsion) erheblich. Stretching und Dehnprogramm sollten deswegen bei allen Sportlern sowohl in der Vorbereitungs- als auch in der Abkühlphase zum Standardprogramm gehören.

Auch eine geeignete Ausrüstung kann dabei hilfreich sein, einer Verstauchung vorzubeugen. So schützen beispielsweise Schuhe, die bis über den Knöchel reichen, vor Verstauchungen des Sprunggelenks. Vorbeugend können gefährdete Gelenke bei entsprechenden Sportarten (beispielsweise Fingergelenke beim Volleyball) bandagiert oder mit einem Tape-Verband geschützt werden.

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Multiple Persönlichkeitsstörung

Hinweis für Betroffene beim Lesen des Texts: Mögliche Auslösereize für Betroffene sind in diesem Text nicht durch „*“ maskiert worden.

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) – besser bekannt als Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) – ist bis heute eine der umstrittensten psychiatrischen Diagnosen. Sie bezeichnet das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der betroffenen Person übernehmen. Die Multiple Persönlichkeitsstörung wird meist von einer Reihe anderer Symptome begleitet, sodass es häufig zu Fehldiagnosen kommt.

Als Ursache für die Dissoziative Identitätsstörung wird wiederholter Missbrauch in der Kindheit angenommen. Die Aufspaltung in zwei oder mehr Teilidentitäten kann als Versuch verstanden werden, mit dem erlebten Trauma zurechtzukommen: Das reale Geschehen wird vom Bewusstsein abgetrennt. Die Behandlung der Multiplen Persönlichkeitsstörung ist meist langwierig. Ziel ist es, eine größtmögliche Stabilisierung des Betroffenen zu erreichen. Neben der Alltagsbewältigung stehen dabei das Kennenlernen und die Kooperation der Teilidentitäten untereinander im Vordergrund. Soweit möglich, sollte die Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse in die Therapie der Multiplen Persönlichkeitsstörung mit einbezogen werden. Eine Integration und Verschmelzung der Teilidentitäten wird von vielen Betroffenen als Therapieziel abgelehnt.

Dissoziative Identitätsstörung: Definition

Das wohl bekannteste Beispiel für die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) oder Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS) ist die Schilderung des Wechsels von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde. Auch in der Autobiographie von Karl May finden sich nach Ansicht von Forschern Hinweise darauf, dass er unter Dissoziativer Identitätsstörung gelitten habe: Besser bekannt unter dem älteren Begriff Multiple Persönlichkeitsstörung versteht man unter diesem Phänomen das Vorhandensein von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen, die wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen. Als Ursache der Multiplen Persönlichkeitsstörung wird wiederholter Missbrauch in der Kindheit angenommen.

Oft werden in der Alltagssprache Multiple Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie fälschlicherweise gleichgesetzt: Während es bei Schizophrenen im Rahmen eines Größenwahns zu einer Identifikation mit einer anderen Person kommen kann, existieren bei der Dissoziativen Identitätsstörung zwei oder mehr Persönlichkeiten in einer Person. Auch sprechen Personen, die unter einer Dissoziativen Identitätsstörung leiden, nicht auf dieselben Medikamente an, die in der Behandlung von Schizophrenie eingesetzt werden.

Historisches

Kaum eine andere psychiatrische Diagnose ist so umstritten wie die der Dissoziativen Identitätsstörung. Nachdem in den 1970er Jahren einige Fälle dieser Erkrankung bekannt wurden und ausführlich in den Medien darüber berichtet wurde, kam es zunächst zu einem starken Anstieg der Diagnose „Multiple Persönlichkeitsstörung“. Damit verbunden wurde auch Kritik laut: Die Dissoziative Identitätsstörung sei ein Produkt der Therapeuten, die Missbrauchserlebnisse und die multiplen Persönlichkeiten seien den Betroffenen eingeredet worden. Auch wurden in den USA einige Gerichtsverfahren bekannt, in denen die Angeklagten auf Unzurechnungsfähigkeit plädierten, da sie zur Tatzeit in einem anderen Persönlichkeitszustand gewesen seien – in vielen Fällen konnte den Angeklagten jedoch nachgewiesen werden, dass sie simuliert hatten, um eine Strafe zu umgehen. Obwohl die Dissoziative Identitätsstörung 1980 Einzug in das internationale Diagnosesystem für psychische Störungen gefunden hat, hält die Diskussion über die Existenz dieser Störung weiterhin an. Das in den letzten Jahren gestiegene Bewusstsein für die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs und nicht zuletzt die Aufdeckung von Kinderschänderbanden hat aber zu einer größeren Akzeptanz dieser Diagnose geführt.

Häufigkeit

Die Schätzungen, wie häufig die Multiple Persönlichkeitsstörung auftritt, schwanken: Während lange Zeit angenommen wurde wurde, dass es sich um eine sehr seltene Erkrankung handelt, geht man nun davon aus, das 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung an einer Multiplen Persönlichkeitsstörung leiden. Unter stationären psychiatrischen Personen wurde sogar bei etwa fünf Prozent eine Dissoziative Identitätsstörung diagnostiziert. Frauen sind etwa neunmal häufiger als Männer betroffen.

Dissoziative Identitätsstörung: Ursachen

Der Begriff Dissoziative Identitätsstörung beinhaltet schon die Grundannahme zur Entstehung dieser Erkrankung: Dissoziieren bedeutet trennen oder auflösen. Dissoziation bezeichnet den Prozess, in dem Teile des Erlebten von anderen inhaltlich getrennt werden, wenn das Erlebte ein Übermaß an Angst, Schmerz oder Trauer verursacht.

Es wurde festgestellt, dass 96 Prozent aller Betroffenen, die an einer Dissoziativen Identitätsstörung leiden, in frühester Kindheit (meist vor dem fünften Lebensjahr) fortgesetzt sexuellem oder körperlichem Missbrauch ausgesetzt waren oder stark vernachlässigt wurden, bis hin zur Verwahrlosung. Bei 80 Prozent dieser Betroffenen ließen sich alle drei Formen der Traumatisierung nachweisen. In besonders gravierenden Fällen waren die Kinder Opfer rituellen Missbrauchs im Rahmen von Sekten oder Kulten. Bei den übrigen vier Prozent fand sich, dass die Betroffenen als Kinder während einer Operation aus der Narkose aufgewacht waren. Bei diesen Personen ist die Multiple Persönlichkeitsstörung meist weniger stark ausgeprägt und es finden sich weniger Teilidentitäten.

Grundlage der Entstehung einer Dissoziativen Identitätsstörung ist also das Erleben eines schweren Traumas in der frühen Kindheit. Es wird angenommen, dass schon zu diesem frühen Zeitpunkt die Aufspaltung in verschiedene Persönlichkeitsanteile beginnt: Ein Kind erlebt fortgesetzt Gefahr und Erniedrigung, denen es nicht entfliehen kann. Auch kann es nicht um Hilfe rufen, denn meist ist es ein naher Angehöriger, der ihm dieses Leid zufügt und es wurde ihm gedroht, nichts von den Erlebnissen zu erzählen. Um nun diese Situation überstehen zu können, wird es einen Mechanismus entwickeln, um dem Schmerz zu entfliehen: Das reale Geschehen wird vom Bewusstsein abgetrennt; das Kind „denkt“ sich aus der Situation hinaus. Dieser Prozess geschieht unbewusst und kann von den Betroffenen nicht gesteuert werden. Um die wiederholte Traumatisierung überstehen zu können, spalten die Betroffenen sich in zwei oder mehr Identitäten auf: Jede Identität übernimmt bestimmte Funktionen in den jeweiligen Situationen und kann in einer ähnlichen Situation wieder zum Vorschein kommen.

Entstehung von Teilidentitäten

Bei der Entwicklung einer Dissoziativen Identitätsstörung entsteht ein System von Teilpersönlichkeiten, die alle ihre Aufgaben haben: So entstehen z.B. Helferpersönlichkeiten, die versuchen den Betroffenen zu schützen, indem Situationen vermieden werden, in denen ein Missbrauch stattfinden könnte. Andere Teilpersönlichkeiten können beispielsweise dafür sorgen, dass der Betroffene mit den Anforderungen in der Schule zurechtkommt. Die Aufspaltung ist ein fortschreitender Prozess: Wurde die Dissoziation als Erleichterung empfunden, gelingt die Aufspaltung bei späteren Traumatisierungen immer leichter. Innerhalb einer Situation können sich dann mehrere Teilidentitäten in ihrer Präsenz ablösen, um so das Leiden zu verteilen. Dieser vom Kind unbewusst angewendete Schutzmechanismus dient dazu, das zugefügte Leiden psychisch überleben zu können. Im Erwachsenenalter wird diese Überlebensstrategie aber zu einer Belastung für die Betroffenen, da die Multiple Persönlichkeitsstörung sie bei der Bewältigung des Alltags behindert.

Grundvoraussetzung für die Abspaltung von Teilidentitäten ist die psychobiologische Fähigkeit zur Dissoziation, die insbesondere bei Kindern stark ausgeprägt ist: In besonders bedrohlichen Situationen wird die Informationsweiterleitung im Gehirn teilweise blockiert. Zum Schutz der Person arbeiten einige Hirnregionen nicht weiter – so wird der Betroffene auch vor Erinnerungen an die belastende Situation geschützt. Dieser Schutzmechanismus funktioniert aber nicht vollständig, sodass später auch scheinbar neutrale Reize (z.B. die gleiche Tapete wie im Kinderzimmer) einschießende Gedanken hervorrufen können, die an die belastenden Erlebnisse erinnern. Die Dissoziation löst im System der Teilpersönlichkeiten bei vielen Betroffenen einen großen inneren Druck aus. Häufig kommt es deshalb im Rahmen der Dissoziativen Identitätsstörung zu selbstverletzendem Verhalten, um diesen Druck abzubauen und den Kontakt zur Realität wieder herzustellen.

Dissoziative Identitätsstörung: Symptome

Das Erscheinungsbild der Dissoziativen Identitätsstörung ist sehr vielfältig. Gemeinsames Merkmal der verschiedenen Erscheinungsformen ist, dass zwei oder mehr (manchmal bis zu 100) voneinander unterscheidbare Identitäten oder Persönlichkeitszustände in einer Person existieren. Im Durchschnitt liegen acht bis zehn Teilidentitäten vor. Von diesen übernehmen mindestens zwei wiederholt die Kontrolle über das Verhalten.

Die Person, die den Großteil des normalen Alltags bestreitet, wird als „Host“ (englisch: Gastgeber), die Teilpersönlichkeiten als „Alters“ (abgeleitet von englisch: alternate, sinngemäß: anders, verändert) bezeichnet.

Im Rahmen der Dissoziativen Identitätsstörung treten Gedächtnislücken auf. Der Host ist sich der anderen Persönlichkeitszustände nur teilweise bewusst, sodass er sich auch nicht an deren Handlungen erinnert. Viele Betroffene berichten, dass sie manchmal nicht wissen, wie sie an den Ort gekommen sind, an dem sie sich befinden; wer die Person ist, die sie eben gegrüßt hat oder wer den Einkaufszettel auf ihrem Tisch geschrieben hat.

Die verschiedenen Identitäten unterscheiden sich meist deutlich: Sie haben verschiedene Namen, unterschiedliche Vorlieben und Verhaltensweisen. Es zeigen sich auch physiologische Unterschiede: So kann beispielsweise eine Teilpersönlichkeit allergisch auf eine Substanz reagieren, die andere aber nicht. Die Charaktereigenschaften des so genannten Alters stehen häufig im Gegensatz zur primären Person (dem Host). Das Ausmaß, in dem bei der Multiplen Persönlichkeitsstörung die verschiedenen Identitäten untereinander kooperieren (d.h. untereinander Zugriff auf die Erinnerungen und Handlungen haben und den Wechsel der Teilpersönlichkeiten koordinieren können), ist bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt.

Im Rahmen der Dissoziativen Identitätsstörung treten häufig eine Reihe von Begleitsymptomen auf:

  • Depressionen
  • Erinnerungsbilder von traumatischen Erfahrungen (Flashbacks), die oft durch scheinbar neutrale Reize ausgelöst werden (häufig werden deshalb in Texten zur Dissoziativen Identitätsstörung mögliche Reizwörter durch „*“ maskiert, so z.B. s*xuelle M*sshandlung)
  • Ängste
  • Selbstverletzendes Verhalten und Suizidversuche
  • Aggressionen
  • Kopfschmerzen
  • Alkohol- oder Drogenmissbrauch
  • Essstörungen
  • Zwanghaftes Verhalten
  • Stimmen (der anderen Teilpersönlichkeiten) hören

Dissoziative Identitätsstörung: Diagnose

Aufgrund der Vielzahl der Begleiterscheinungen dieser Erkrankung erhalten Personen, die unter einer Dissoziativen Identitätsstörung leiden, häufig eine falsche Diagnose und werden zunächst erfolglos, beispielsweise wegen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, Schizophrenie oder Depression behandelt. Vom Auftreten der ersten Symptome bis hin zur zutreffenden Diagnose vergehen im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre. Viele Betroffene scheuen sich auch, von ihren Gedächtnislücken und merkwürdigen Begebenheiten, z.B. unbekannten Kleidern im Schrank, zu erzählen, die einen wichtigen Hinweis für das Vorliegen einer Dissoziativen Identitätsstörung liefern würden.

Um die Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung stellen zu können, müssen bei dem Betroffenen folgende Symptome festgestellt werden:

  • Es bestehen zwei oder mehr unterscheidbare Identitätszustände, von denen mindestens zwei wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen.
  • Es liegt eine umfassende Unfähigkeit vor, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern. Diese Beeinträchtigungen können nicht durch einen Substanzmissbrauch oder eine körperliche Erkrankung erklärt werden.

Um die Symptome der Multiplen Persönlichkeitsstörung zu erfassen, können Fragebögen und Interviewleitfäden eingesetzt werden.

Dissoziative Identitätsstörung: Therapie

Die Suche nach einem geeigneten Therapeuten gestaltet sich bei der Dissoziativen Identitätsstörung häufig schwierig. Zum einen haben viele der Betroffenen schon schlechte Erfahrungen mit Behandlungen aufgrund falscher Diagnosen gemacht. Zum anderen fällt es Personen, die unter einer Dissoziativen Identitätsstörung leiden, häufig schwer Vertrauen zu fassen. Dies ist aber für sie die notwendige Bedingung, um sich auf die Therapie einlassen zu können. Es empfiehlt sich für die Betroffenen, einen Therapeuten aufzusuchen, der sich auf die Behandlung von traumatisierten Personen spezialisiert hat. Eine Therapie bei Dissoziativer Identitätsstörung dauert meist über viele Jahre – eine Dauer die oft nicht vollständig von den Krankenkassen bezahlt wird.

Das Ziel der Therapie der Multiplen Persönlichkeitsstörung sollte es sein, größtmögliches Wohlbefinden und Stabilisierung für den Betroffenen zu erreichen. Es ist umstritten, ob dies nur nach einer gelungenen Integration der Teilidentitäten gelingen kann: viele der Erkrankten lehnen dies als Ziel der Behandlung ab. Bei Bedarf kann eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva und Beruhigungsmitteln durchgeführt werden, die sich allerdings allein auf die Symptome auswirkt, während die zugrundeliegenden Ursachen unangetastet bleiben.

Behandlungsphasen

Die Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung verläuft in verschiedenen Phasen, die je nach Person von unterschiedlicher Dauer sein können und unter Umständen wiederholt durchlaufen werden:

  • Zunächst steht der Aufbau der therapeutischen Beziehung im Vordergrund, die es dem Erkrankten ermöglichen soll, sich auf die Therapie einzulassen. Daneben stellt die Stabilisierung des Betroffenen ein wichtiges erstes Ziel dar: Es wird mit dem Betroffenen erarbeitet, wie er seinen Alltag besser bewältigen kann. Zusätzliche belastende äußere Umstände (z.B. unzureichende Tagesstruktur, ungünstige Wohnsituation) sollten nach Möglichkeit verändert werden.
  • Im zweiten Schritt der Therapie der Dissoziativen Identitätsstörung steht die Förderung der Kommunikation und Zusammenarbeit der verschiedenen Teilidentitäten untereinander im Vordergrund. Es geht dabei darum, die verschiedenen „Alters“ kennenzulernen, jedes einzelne ernst zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander zu klären und eine gegenseitige Unterstützung (z.B. im Umgang mit Erinnerungsbildern) aufzubauen.
  • In der anschließenden Phase sollte eine schonende Bearbeitung des Traumas stattfinden. Dies erfordert ein besonders vorsichtiges Vorgehen, da der Betroffene darin unterstützt werden soll, sich den belastenden Erinnerungen zu stellen, ohne zu dissoziieren. Ziel ist es dabei, das Erlebte als Bestandteil der Vergangenheit anzunehmen, ohne dass alte Auslösereize immer weiter die belastenden Erinnerungsbilder hervorrufen. Eine effektive Technik zur Traumabearbeitung ist das Eye Movement Desensitization Reprocessing (EMDR): Der Erkrankte wird angeleitet, von dem traumatischen Erlebnis zu berichten, während er schnelle Augenbewegungen ausführt. Es hat sich gezeigt, dass diese Kombination von Augenbewegung und Konfrontation mit dem Trauma die Verarbeitung des Erlebten erleichtert. Die Augenbewegung übt eine Stimulation auf das Gehirn aus, durch die Blockaden gelöst werden.
  • In der abschließenden Phase der Behandlung der Multiplen Persönlichkeitsstörung wird die Integration und Verschmelzung der Teilidentitäten angestrebt. Ziel dabei ist es, dass der Betroffene sich wieder als eine einzelne Person erleben kann und lernt, seine Vergangenheit als Teil seines Lebens zu akzeptieren. Dabei ist es wichtig zu beachten, ob der Betroffene diese Integration als Therapieziel anstrebt und gegebenenfalls seine Wahl, seine Identitätsvielfalt beizubehalten, zu respektieren.

Bei Betroffenen, die Opfer rituellen Missbrauchs waren, müssen in der Behandlung auch Bewusstseins-Kontrolltechniken berücksichtigt werden, die z.B. in Kulten eingesetzt werden, um Opfer zum Dissoziieren zu „programmieren“. Mithilfe von Deprogrammierung sollen diese Kontrollmuster gelöscht werden. Bei der Therapie der Dissoziativen Identitätsstörung sollten immer die individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse des einzelnen Erkrankten im Vordergrund stehen. So kann es im Sinne einer größtmöglichen Stabilisierung beispielsweise sinnvoll sein, auf die Bearbeitung der traumatischen Erlebnisse zu verzichten, wenn dies eine dauerhafte Überforderung des Betroffenen darstellt.

Dissoziative Identitätsstörung: Verlauf

Die Dissoziative Identitätsstörung tritt meist in der frühen Kindheit auf, wird aber selten vor dem Erwachsenenalter festgestellt. Im Verlauf zeigen sich häufig Schwankungen – dabei treten die Symptome bei manchen Betroffenen nur phasenweise auf, während sie bei anderen anhaltend vorhanden sind. Eine Verstärkung der Symptome steht häufig im Zusammenhang mit Belastungen und traumatischen Erfahrungen. Unbehandelt verläuft die Dissoziative Identitätsstörung meist chronisch, wobei sich mit steigendem Lebensalter die Symptome häufig verringern.

Aber auch nach langjähriger Behandlung bleiben für die Betroffenen oft in Teilbereichen Probleme bestehen. Durch die Entwicklung des EMDR als Behandlungsmethode für traumatisierte Personen hat sich allerdings die Prognose in den letzten Jahren deutlich verbessert. Einfluss auf den Verlauf der Dissoziativen Identitätsstörung hat auch das Ausmaß der erlittenen Traumatisierung. So bestehen z.B. für Betroffene, deren Erkrankung durch ein verfrühtes Aufwachen aus der Narkose verursacht wurde, meist bessere Aussichten auf Heilung. Eine stark ausgeprägte Begleitsymptomatik (z.B. Essstörungen, Alkoholmissbrauch) kann die Behandlung oft komplizieren.

Dissoziative Identitätsstörung: Vorbeugen

Allgemeine Methoden, einer Multiplen Persönlichkeitsstörung vorzubeugen, sind bis heute nicht bekannt. Es bleibt abzuwarten, ob eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit bzgl. des Missbrauchs von Kindern und verstärkte Bemühungen diesen zu verhindern eventuell langfristig dazu führen, dass Multiple Persönlichkeitsstörungen seltener auftreten. Eine frühzeitige Information über die Erkrankung kann dazu beitragen, dass die Betroffenen früher eine geeignete Behandlung aufsuchen und so eine weitere Chronifizierung vermieden werden kann.

Weitere Informationen

Weitere Infos finden Sie hier:

Linktipps:

Austauschmöglichkeiten für Betroffene/Selbsthilfe:

www.multiseiten.de
www.surlibande.de
www.multicorner.de
Informationen zu Therapien:

www.traumhaus-bielefeld.de
Psychotraumazentrum Niedersachsen
Am Forsthaus 1
30916 Isernhagen HB-Hannover
Telefon: 0511/7900710
Fax: 0511/7900711

Zum Thema sexueller Missbrauch:

www.selbsthilfe-missbrauch.de
Incest Survivors Anonymus (I.S.A)
Selbsthilfegruppe für Missbrauchüberlebende nach den 12 Schritten der A.A.
42209 Wuppertal
Postfach Postfach 200920
http://www.i.s.anonymous.de.tt/

Diphtherie

Die Diphtherie ist eine akute, manchmal lebensbedrohliche Infektionserkrankung, die durch Corynebacterium diphtheriae, ein toxinbildendes Bakterium ausgelöst wird. Dieses kommt ausschließlich beim Menschen vor.

Die Übertragung des Erregers erfolgt durch Tröpfcheninfektion wie zum Beispiel durch Husten, Niesen und Küssen. Innerhalb weniger Tage kommt es zu allgemeinem Krankheitsgefühl, Fieber, Hals-, Bauch- und Gliederschmerzen. Am häufigsten ist die Rachendiphtherie mit hochroter Entzündung, grau-weißlichen Belägen und kloßiger Sprache.

Die Giftwirkung des Diphtherie-Bakteriums führt bei den gefürchteten, so genannten toxischen Verläufen zu Herzmuskelentzündung, Lähmungen (häufig Schluckstörungen), Leber- und Nierenfunktionsstörungen. Durch die Schutzimpfung, eine antibiotische Therapie und die Entwicklung eines Antitoxins ist die Diphtherie heutzutage weniger bedrohlich als früher.

Diphtherie: Definition

Die Diphtherie ist eine akute Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Corynebacterium diphtheriae verursacht wird. Der Erreger kann die Krankheit nur auslösen, wenn er bestimmte Gifte (Toxine) produzieren kann. Diese stören die Stabilität der Zellmembran und schädigen oder zerstören so die Zellen. Die Toxine wirken auch auf Organe ein, die von der eigentlichen Entzündungsstelle weiter entfernt liegen, wie zum Beispiel Herz, Niere oder Leber. Dies begründet die gefährlichen Komplikationen der Diphtherie.

Die Diphtherie äußert sich lokal in der infizierten Region, also den Mandeln sowie dem Hals-Nasen-Rachenraum und verursacht dort eine Entzündung, die zum Absterben des Gewebes führt.

Der Erregernachweis, Krankheitsverdacht, die Erkrankung und der Tod an Diphtherie sind nach dem Infektionsschutzgesetz vom 1. Januar 2001 in Deutschland meldepflichtig.

Häufigkeit

Die Diphtherie kommt weltweit vor, am häufigsten in gemäßigten Klimazonen und mit einem saisonalen Häufigkeitsgipfel im Herbst und Winter. Die Erkrankung ist durch die aktive Schutzimpfung zurückgedrängt, aber nicht vollständig verschwunden. In Deutschland werden seit 1984 nur noch Einzelfälle erfasst. Aufgrund von Impflücken tritt sie aber immer wieder örtlich begrenzt auf und ist dann mit einer hohen Sterblichkeit verbunden. Der Erfolg der Impfung in den westlichen Industriestaaten lässt sich deutlich ablesen: um 1920 zählte man in den USA circa 150.000 Fälle von Diphtherie pro Jahr, von denen etwa 15.000 tödlich verliefen. Zwischen 1980 und 1986 traten nur noch 24 Fälle auf, von denen zwei tödlich waren.

Diphtherie: Ursachen

Erreger

Der Erreger der Diphtherie ist das Corynebacterium diphtheriae aus der Ordnung der Actinomycetales. Dabei handelt es sich um ein aerobes, unbewegliches, grampositives Bakterium. Eigentlicher Auslöser der Erkrankung ist das vom Erreger gebildete Gift (Toxin), welches die Stabilität der Zellmembran stören und somit die infizierte Zelle schädigen oder abtöten kann.

Infektionen mit dem Corynebacterium diphtheriae kommen weltweit vor. Einziges Reservoir des Erregers ist der Mensch.

Infektionsweg

Die Übertragung der Diphtherie erfolgt durch Tröpfcheninfektion, bei der Hautdiphtherie auch durch direkten Kontakt. Das Risiko einer Übertragung ist bei Erkrankten höher als bei Trägern des Erregers, bei denen die Krankheit nicht ausgebrochen ist. Solange der Erreger in Sekreten und Wunden nachweisbar ist, besteht auch eine Ansteckungsgefahr. Wird die Diphtherie therapiert, beträgt die Dauer der Ansteckungsfähigkeit zwei bis vier Tage, ohne Therapie zwei bis zu vier Wochen.

Inkubationszeit

Die Inkubationszeit der Diphtherie, also die Zeit von einer Infektion bis zum Ausbruch der Erkrankung, beträgt im Durchschnitt zwei bis fünf Tage, seltener auch acht Tage.

Diphtherie: Symptome

Die Symptome der Diphtherie in gemäßigten Klimazonen betreffen hauptsächlich den Mandel- und Rachenraum, in manchen Fällen können auch der Kehlkopf, die Nase, die Luftröhre oder die Bronchien betroffen sein.

Meist beginnt die Erkrankung allmählich mit Halsschmerzen, erhöhter Körpertemperatur bis zu 39 Grad Celsius und Schluckbeschwerden. Später kommt es bei der Diphtherie zu Heiserkeit, Atemgeräuschen, Lähmungen des Gaumensegels und Lymphknotenschwellungen. Schließlich entsteht eine Mandel- (Tonsillitis) und Rachenentzündung (Pharyngitis) mit grau-weißen Pseudomembranen, welche oft die Mandeln überschreiten und sich auf Gaumen und das Gaumenzäpfchen, in manchen Fällen auch bis zum Kehlkopf ausbreiten. Wird versucht, diese Membranen zu entfernen, treten meist Blutungen auf. Als besonders charakteristisch für die Diphtherie ist ein süßlicher Mundgeruch, der bereits in einigem Abstand wahrgenommen werden kann.

Bei einer Kehlkopfdiphtherie dominieren anfangs Husten und Heiserkeit. Bei einer nasalen Diphtherie, die meist bei Säuglingen oder Kleinkindern vorkommt, tritt oft ein Ausfluss aus der Nase auf.

Die Hautdiphtherie kommt vor allem in den Tropen vor. In westlichen Ländern sind vorwiegend bestimmte Risikogruppen wie zum Beispiel Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige betroffen. Die Symptome ähneln denen anderer bakterieller Hautinfektionen. Eintrittsstelle für den Erreger sind Verletzungen der Haut. Bei der Bindehautdiphtherie kommt es zu blutigwässrigen Absonderungen und Membranbildungen an der Augenbindehaut, oft ist auch die Hornhaut mit befallen.

Diphtherie: Diagnose

Eine erste Diagnose der Diphtherie kann meist schon aufgrund der Symptome gestellt werden. Zur Bestätigung wird ein Abstrich der Beläge unter den Pseudomembranen, zum Beispiel im Rachen oder der Nase, entnommen und im Labor auf den Erreger hin untersucht. Da dieser Nachweis einige Tage dauern kann, wird schon im Verdachtsfall mit der Therapie begonnen.

Diphtherie: Therapie

Schon bei einem Verdacht auf Diphtherie muss diese behandelt werden. Dabei stehen folgende Therapiemaßnahmen zur Verfügung:

  • Isolierung des Erkrankten
  • Diphtherie-Antitoxin, ein Gegengift, wird bereits bei Verdacht gegeben, da es nur an nicht zellgebundenes Erregertoxin binden und dadurch unschädlich machen kann. Hat sich das Toxin bereits an Zellen festgesetzt, ist es für das Antitoxin nicht mehr erreichbar.
  • Antibiotika wie Penicillin oder Erythromycin töten den Erreger ab und helfen dadurch die Toxinbildung zu verringern.
  • Ist die Schleimhaut der Luftröhre stark entzündlich angeschwollen, kann die Atmung deutlich behindert sein. Davon Betroffene sollten deshalb frühzeitig mit einer maschinellen Beatmung unterstützt werden. Dafür werden sie in ein künstliches Koma versetzt und die Beatmung erfolgt über einen Schlauch, der über einen Luftröhrenschnitt zur Lunge vorgeschoben wird.
  • engmaschige Überwachung, um Komplikationen rechtzeitig erkennen und behandeln zu können.

Diphtherie: Verlauf

Komplikationen

Breiten sich bei der Diphtherie flächige Membranen an Mandeln, Gaumen, Zäpfchen oder Nasenschleimhaut rasch aus, signalisiert dies eine schwere Verlaufsform. Die Betroffenen klagen über ein deutliches Krankheitsgefühl. Fieber, bellenden Husten (Krupp), Erbrechen und Lymphknotenschwellungen können auftreten. Komplikationen wie Herzmuskelentzündung, neurologische Störungen (besonders Lähmungen wie z.B. Gaumensegellähmung, was zu Schluckstörungen führt) und seltener Leber- und Nierenschädigungen können hinzukommen.

Prognose

Ein rascher Therapiebeginn ist entscheidend für den Krankheitsverlauf der Diphtherie. Treten Komplikationen auf, erschwert dies die Behandlung und verlängert den Genesungsprozess.

Tödliche Verläufe der Diphtherie werden immer seltener. Bei der letzten großen Epidemie in Russland (1994) verstarben weniger als fünf Prozent der Erkrankten.

Diphtherie: Vorbeugen

Zur Vorbeugung einer Diphtherie steht eine aktive Schutzimpfung mit einem Toxoid-Impfstoff zur Verfügung. Die entstehende Immunität verhindert die Erkrankung weitgehend, trotzdem können geimpfte Personen weiterhin Träger und Überträger des Erregers sein.

Eine Diphtherie-Schutzimpfung wird allen Personen ohne ausreichenden Impfschutz empfohlen sowie insbesondere Risikogruppen. Zu diesen zählen:

  • medizinisches Personal, das engen Kontakt zu Erkrankten haben kann.
  • Personal in Laboratorien mit Diphtherie-Risiko.
  • Aussiedler, Flüchtlinge und Asylbewerber aus Gebieten mit Diphtherie-Risiko, die in Gemeinschaftseinrichtungen leben, sowie das Personal dieser Einrichtungen.
  • Bedienstete des Bundesgrenzschutzes und der Zollverwaltung.
  • Reisende in Regionen mit Diphtherie-Risiko.

Um bei einer bereits ausgebrochenen Diphtherie weitere Personen vor einer Ansteckung zu schützen, sollten Erkrankte stationär behandelt, in der Klinik isoliert und nur von Personal mit aktuellem Impfschutz betreut werden.

Weitere Informationen

ICD-10-Diagnoseschlüssel

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu „Diphtherie”:

Buchtipps:

Pädiatrie

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