Die Nacht, in der das Geld seinen Wert verliert

Ich träume von dieser einen Nacht, in der kein Mensch mehr verzagt wach liegen muss, weil ihm der mächtige “Ersatzgott des Kapitalismus” nicht ausreichend Brot und Arbeit gab. Ich träume von dieser einen Nacht, in der alle Menschen ihre Haus- und Wohnungstüren offenstehen lassen können, ohne Angst zu haben, dass ihnen jene Dinge genommen werden, die sie zu jenen Kreaturen gebranntmarkt haben, die nun ständig ihre Türen verschließen müssen, wodurch sie sich selbst zu Gefangenen machen. Ich träume von dieser einen Nacht, in der Banken sich in Tauschoasen verwandeln, in der jeder anbietet, was er anzubieten hat. Und es gibt in dieser Nacht niemanden, der nichts anzubieten hätte, weil sich durch die Entwertung des Geldes für uns alle ganz wesentliche Werte verschoben haben werden. Jedes Lächeln, jede Umarmung, eine jede menschliche Geste wird in dieser Nacht mehr wert sein, als alle Geldvorräte dieser Welt zusammengenommen. Und eben deshalb werden alle Geldvorräte verbrannt, damit sich die Frierenden daran wärmen können. Und die Börsen werden zu Mahnmal-Geisterbahnen, wo sich Kinder auf amüsant schauerliche Weise an dem „Moloch Geld“ erinnern dürfen. Und alle werden sie zufriedener sein, in dieser einen Nacht, in der das Geld seinen Wert verliert. Selbst jene werden zufriedener sein, die es weit gebracht haben, mit dem Anhäufen dieses wertlos bedruckten schmutzigen Papiers, welches sie Geld schimpften. Denn dies wird die Nacht sein, wo von uns allen ein furchtbarer Druck abfällt, der uns in mannigfacher Form Krankheit und Tod brachte.
Von den Armen fällt jener unmenschliche Druck ab, ständig mit einem Mangel an Geld leben zu müssen und sich dabei wertlos zu fühlen. Und von den Reichen fällt jener Druck ab, von der Masse des Geldes erdrückt zu werden und dabei die wesentlichen Werte des Lebens aus den Augen zu verlieren. Niemand fühlt sich also betrogen in dieser Nacht, niemand fühlt sich um etwas Kostbares beraubt, denn dies wird die Nacht der großen Geschenke an uns selbst sein. Ja, ich träume von dieser einen Nacht, in der Geld jeglichen Wert verliert, von dieser einen Nacht, in der dieses unheilvolle Notengift nicht mehr die Welt regiert, in der niemand mehr für irgend etwas zu bezahlen hat, in der niemand mehr bei irgendwem in der Schuld steht, in der es keine Gläubiger und Schuldner mehr gibt, sondern nur noch der wahre Wert jedes Einzelnen im Vordergrund steht. Und in dieser einen Nacht existieren sie nicht mehr, jene Despoten mit der gewinnoptimierten Mitnahmequalität, die aus jeder noch so edlen Gesellschaftsidee sogleich eines ihrer scheußlichen Systeme arrangieren, die letztlich auch wieder nur auf Unterdrückung, Täuschung und Ausbeutung beruhen. Ja, ich weiß, dies ist ein kindisch anmutender Traum. Doch noch sind unsere Träume kostenlos und überdies habe ich diesen Traum vorsorglich in die Nacht verbannt, damit er die Menschen nicht allzu sehr bei ihren Geldvermehrungsangelegenheiten stört.

Veröffentlicht in:  on Juni 10, 2008 at 2:08 Kommentar schreiben
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